
Gregor der Große
Catena Aurea · Johannesevangelium 20
1 Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala in aller Frühe, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. 2 Da kam sie zu Simon Petrus gelaufen und zu dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat. 3 Da machten sich Petrus und der andere Jünger auf und gingen zum Grab. 4 Die beiden liefen miteinander, aber der andere Jünger war schneller als Petrus und kam zuerst an das Grab. 5 Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden daliegen; hinein ging er jedoch nicht. 6 Dann kam auch Petrus hinter ihm her. Er ging in das Grab hinein und sah die Leinenbinden daliegen 7 und das Schweißtuch, das seinen Kopf bedeckt hatte; aber es lag nicht bei den Leinenbinden, sondern für sich zusammengefaltet an einer besonderen Stelle. 8 Hierauf ging auch der andere Jünger, der zuerst zum Grab gekommen war, hinein und sah und glaubte. 9 Denn noch hatten sie die Schrift nicht verstanden, dass er von den Toten auferstehen musste.
(Hom. xxii. in Evang.) Aber dieser Bericht des Evangelisten darf nicht für ohne mystische Bedeutung gehalten werden. Durch Johannes, den Jüngeren der beiden, wird die Synagoge dargestellt; durch Petrus, den Älteren, die Heidenkirche: denn obwohl die Synagoge vor der Heidenkirche bestand, was die Gottesverehrung betrifft, so war doch der heidnische Weltteil zeitlich vor der Synagoge. Sie liefen zusammen, weil der heidnische Weltteil von Anfang bis Ende Seite an Seite mit der Synagoge lief, hinsichtlich der Reinheit und Gemeinschaft des Lebens, obwohl sie eine Reinheit und Gemeinschaft des Verständnisses nicht hatten. Die Synagoge kam zuerst zum Grab, ging aber nicht hinein: sie kannte die Gebote des Gesetzes und hatte die Prophezeiungen von der Menschwerdung und dem Tod unseres Herrn gehört, wollte aber nicht an den glauben, der gestorben war. Da kam Simon Petrus und ging in das Grab: die Heidenkirche erkannte Jesus Christus sowohl als toten Menschen als auch glaubte an ihn als lebendigen Gott. Das Schweißtuch um das Haupt unseres Herrn wird nicht bei den Leinentüchern gefunden, d. h. Gott, das Haupt Christi, und die unbegreiflichen Geheimnisse der Gottheit sind unserem armseligen Wissen entzogen; seine Macht übersteigt die Natur des Geschöpfes. Und es wird nicht nur getrennt gefunden, sondern auch zusammengewickelt; wegen des zusammengewickelten Leinens sieht man weder Anfang noch Ende; und die Höhe der göttlichen Natur hatte weder Anfang noch Ende. Und es ist an einem Ort: denn wo Trennung ist, ist Gott nicht; und sie verdienen seine Gnade, die kein Ärgernis erregen, indem sie sich in Sekten spalten. Aber wie ein Schweißtuch das ist, was beim Arbeiten verwendet wird, um den Schweiß von der Stirn zu wischen, so können wir unter dem Schweißtuch hier die Arbeit Gottes verstehen: welches Schweißtuch getrennt gefunden wird, weil das Leiden unseres Erlösers weit von unserem entfernt ist; insofern er unschuldig litt, was wir gerecht leiden; er unterwarf sich dem Tod freiwillig, wir aus Notwendigkeit. Aber nachdem Petrus hineingegangen war, ging auch Johannes hinein; denn am Ende der Welt wird auch Judäa zum wahren Glauben gesammelt werden.