
Ambrosius von Mailand
Catena Aurea · Johannesevangelium 19
24 Da sagten sie zueinander: Wir wollen ihn nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie haben meine Kleider unter sich verteilt und um mein Gewand das Los geworfen. So also machten es die Soldaten. 25 Bei dem Kreuz Jesu standen aber seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 26 Als Jesus die Mutter und den Jünger, den er liebte, dastehen sah, sagte er zur Mutter: Frau, da ist dein Sohn! 27 Dann sagt er zu dem Jünger: Da ist deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Maria, die Mutter unseres Herrn, stand vor dem Kreuz ihres Sohnes. Keiner der Evangelisten hat mir dies erzählt außer Johannes. Die anderen haben berichtet, wie beim Leiden unseres Herrn die Erde bebte, der Himmel mit Finsternis überzogen wurde, die Sonne floh, der Schächer nach dem Bekenntnis ins Paradies aufgenommen wurde. Johannes hat uns erzählt, was die anderen nicht taten, wie Er vom Kreuz, an dem Er hing, zu seiner Mutter rief. Er hielt es für eine größere Sache, Ihn als Sieger über die Strafe zu zeigen, indem Er die Pflichten der Frömmigkeit gegenüber seiner Mutter erfüllte, als dem Schächer das Himmelreich und das ewige Leben zu geben. Denn wenn es fromm war, dem Schächer das Leben zu geben, so ist es ein weit reicheres Werk der Frömmigkeit, dass ein Sohn seine Mutter mit solcher Zuneigung ehrt. Siehe, sagt Er, dein Sohn; siehe, deine Mutter. Christus machte vom Kreuz aus sein Testament und teilte die Pflichten der Frömmigkeit zwischen der Mutter und den Jüngern auf. Unser Herr machte nicht nur ein öffentliches, sondern auch ein häusliches Testament. Und dieses sein Testament besiegelte Johannes, ein Zeuge, würdig eines solchen Testators. Ein gutes Testament war es, nicht über Geld, sondern über das ewige Leben, das nicht mit Tinte geschrieben wurde, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes: Meine Zunge ist der Griffel eines fertigen Schreibers (Ps. 45,1). Maria, wie es sich für die Mutter unseres Herrn geziemte, stand vor dem Kreuz, als die Apostel flohen, und betrachtete mit mitleidigen Augen die Wunden ihres Sohnes. Denn sie sah nicht auf den Tod des Opfers, sondern auf das Heil der Welt; und vielleicht, da sie wusste, dass der Tod ihres Sohnes dieses Heil bringen würde, dachte sie, die die Wohnstätte des Königs gewesen war, dass sie durch ihren Tod zu jener allgemeinen Gabe beitragen könnte.