
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Johannesevangelium 1
32 Und Johannes bezeugte: Ich sah den Geist wie eine Taube vom Himmel herabsteigen und er blieb auf ihm. 33 Auch ich kannte ihn nicht. Aber er, der mich gesandt hat, um mit Wasser zu taufen, hat zu mir gesagt: Auf wen du den Geist herabsteigen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit Heiligem Geist tauft. 34 Ich habe es gesehen und bezeuge, dass er der Sohn Gottes ist.
(in Joan. Tr. vi. sparsim) Der Heilige Geist erschien sichtbar auf zwei Weisen: als Taube auf unseren Herrn bei seiner Taufe; und als Flamme auf seine Jünger, als sie versammelt waren: die erstere Gestalt bezeichnet Einfalt, die letztere Inbrunst. Die Taube zeigt an, dass die vom Geist geheilten Seelen keine Falschheit haben sollen; das Feuer, dass in jener Einfalt keine Kälte sein soll. Und lass dich nicht beunruhigen, dass die Zungen gespalten sind; fürchte keine Trennung; die Einheit ist uns in der Taube versichert. Es war also angemessen, dass der Heilige Geist so auf unseren Herrn herabsteigend offenbart wurde; damit jeder, der den Geist hatte, erkennen konnte, dass er einfältig wie eine Taube sein und in aufrichtigem Frieden mit den Brüdern leben sollte. Die Küsse der Tauben stellen diesen Frieden dar. Raben küssen, aber sie zerreißen auch; doch die Natur der Taube ist dem Zerreißen am fremdesten. Raben fressen Aas, aber die Taube isst nichts als die Früchte der Erde. Wenn Tauben in ihrer Liebe seufzen, wundere dich nicht, dass der, welcher in der Gestalt einer Taube erschien, der Heilige Geist, für uns mit unaussprechlichen Seufzern eintritt. (Röm 8,26) Der Heilige Geist jedoch seufzt nicht in sich selbst, sondern in uns: Er lässt uns seufzen. Und wer seufzt, weil er weiß, dass er, solange er unter der Bürde dieser Sterblichkeit steht, vom Herrn fern ist, seufzt gut: es ist der Geist, der ihn zu seufzen gelehrt hat. Aber viele seufzen wegen irdischer Unglücksfälle; wegen Verlusten, die sie beunruhigen, oder körperlicher Krankheit, die schwer auf ihnen lastet: sie seufzen nicht wie die Taube. Was könnte also den Heiligen Geist, den Geist der Einheit, passender darstellen als die Taube? wie er selbst zu seiner versöhnten Kirche sagt: Meine Taube ist eine. (Hld 6,9) Was könnte die Demut besser ausdrücken als die Einfalt und das Seufzen einer Taube? Deshalb erschien bei dieser Gelegenheit die allerheiligste Dreifaltigkeit, der Vater in der Stimme, die sprach: Du bist mein geliebter Sohn; der Heilige Geist in der Gestalt der Taube. (Mt 28,19) In dieser Dreifaltigkeit wurden die Apostel gesandt zu taufen, d. h. im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.