
Johannes Chrysostomus
Catena Aurea · Johannesevangelium 1
15 Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war.
(Hom. in Joan. xiii. [xii.] 1, 2, 3) Oder er führt dies ein, als wollte er sagen: Glaubt nicht, dass wir dies aus Dankbarkeit bezeugen, weil wir lange bei ihm waren und an seinem Tisch teilhatten; denn Johannes, der ihn nie zuvor gesehen hatte noch bei ihm verweilt war, legte Zeugnis für ihn ab. Der Evangelist wiederholt das Zeugnis des Johannes viele Male hier und dort, weil er von den Juden so sehr bewundert wurde. Andere Evangelisten verweisen auf die alten Propheten und sagen: Dies geschah, damit erfüllt würde, was durch den Propheten gesprochen wurde. Er aber führt ein erhabeneres und späteres Zeugnis ein, nicht in der Absicht, den Diener für den Herrn bürgen zu lassen, sondern nur, um sich der Schwachheit seiner Hörer herabzulassen. Denn wie Christus nicht so bereitwillig aufgenommen worden wäre, hätte er nicht die Gestalt eines Dieners angenommen; so hätten auch nicht viele Juden das Wort Christi angenommen, wenn er nicht zuvor durch die Stimme eines Mitdieners die Aufmerksamkeit der Diener erregt hätte. Es folgt: Und er rief; das heißt, er predigte offen, frei, ohne Vorbehalt. Er begann jedoch nicht damit, zu behaupten, dass dieser der natürliche eingeborene Sohn Gottes sei, sondern rief und sprach: Dieser ist es, von dem ich sprach: Der nach mir kommt, ist vor mir, denn er war vor mir. Denn wie Vögel ihre Jungen nicht auf einmal fliegen lehren, sondern sie zuerst aus dem Nest locken und sie dann mit schnellerer Bewegung versuchen; so führte Johannes die Juden nicht sogleich zu hohen Dingen, sondern begann mit geringeren Flügen, indem er sagte, dass Christus besser sei als er; was für die Zwischenzeit kein geringer Fortschritt war. Und beachte, wie klug er sein Zeugnis einführt; er weist nicht nur auf Christus hin, wenn er erscheint, sondern predigt ihn im Voraus; wie: Dieser ist es, von dem ich sprach. Dies sollte die Herzen der Menschen auf die Ankunft Christi vorbereiten: damit, wenn er käme, die Niedrigkeit seines Gewandes kein Hindernis für seine Aufnahme sei. Denn Christus nahm ein so demütiges und gewöhnliches Aussehen an, dass, wenn die Menschen ihn gesehen hätten, ohne zuvor das Zeugnis des Johannes von seiner Größe gehört zu haben, nichts von dem, was über ihn gesagt wurde, Wirkung gehabt hätte.