I, q. 9 a. 2
Ob das Unveränderlichsein Gott allein zukommt?
Quaestio 9 · Die Unveränderlichkeit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass das Unveränderlichsein nicht Gott allein zukommt. Denn der Philosoph sagt (Metaph. ii), dass „Materie in allem ist, was bewegt wird“. Aber gemäß einigen haben bestimmte geschaffene Substanzen, wie Engel und Seelen, keine Materie. Also kommt das Unveränderlichsein nicht Gott allein zu.
Einwand 2: Ferner bewegt sich alles, was in Bewegung ist, zu einem Endzweck. Was also seinen letzten Endzweck bereits erreicht hat, ist nicht in Bewegung. Aber einige Geschöpfe haben bereits ihren letzten Endzweck erreicht, wie alle Seligen im Himmel. Also sind einige Geschöpfe unbeweglich.
Einwand 3: Ferner ist alles, was veränderlich ist, wandelbar. Formen aber sind unwandelbar; denn es wird gesagt (Sex Princip. i), dass „Form das Wesen ist, das aus dem Einfachen und Unwandelbaren besteht“. Also kommt es nicht Gott allein zu, unveränderlich zu sein.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Nat. Boni. i): „Gott allein ist unveränderlich; alles aber, was er gemacht hat, ist veränderlich, weil es aus dem Nichts ist.“
Ich antworte darauf, dass Gott allein gänzlich unveränderlich ist; wohingegen jedes Geschöpf in gewisser Weise veränderlich ist. Man muss daher wissen, dass ein Ding auf zwei Arten veränderlich genannt werden kann: durch eine Kraft in sich selbst und durch eine Kraft, die ein anderer besitzt. Denn alle Geschöpfe waren, bevor sie existierten, möglich, nicht durch irgendeine geschaffene Kraft, da kein Geschöpf ewig ist, sondern durch die göttliche Macht allein, insofern Gott sie ins Dasein hervorbringen konnte. So wie also die Hervorbringung eines Dinges ins Dasein vom Willen Gottes abhängt, so hängt es gleichermaßen von seinem Willen ab, dass die Dinge erhalten werden; denn er erhält sie nicht anders als dadurch, dass er ihnen immerfort das Dasein gibt; daher würden alle Dinge, wenn er seine Einwirkung von ihnen nähme, ins Nichts zurückgeführt werden, wie es bei Augustinus (Gen. ad lit. iv, 12) erscheint. Wie es also in der Macht des Schöpfers lag, sie hervorzubringen, bevor sie in sich selbst existierten, so liegt es gleichermaßen in der Macht des Schöpfers, sie, wenn sie in sich selbst existieren, zu nichts zu bringen. Auf diese Weise also sind sie durch die Kraft eines anderen – nämlich Gottes – veränderlich, insofern sie von ihm aus dem Nichts produzierbar und von ihm vom Dasein zum Nichtsein reduzierbar sind.
Wenn jedoch ein Ding durch eine Kraft in sich selbst veränderlich genannt wird, so ist auch auf diese Weise in gewisser Manier jedes Geschöpf veränderlich. Denn jedes Geschöpf hat eine zweifache Kraft, eine aktive und eine passive; und ich nenne jene Kraft passiv, die es etwas ermöglicht, seine Vollkommenheit entweder im Sein oder im Erreichen seines Ziels zu erlangen. Wenn nun die Veränderlichkeit eines Dinges gemäß seiner Potenz zum Sein betrachtet wird, so sind auf diese Weise nicht alle Geschöpfe veränderlich, sondern nur jene, in denen das, was in ihnen potentiell ist, mit dem Nichtsein vereinbar ist. Daher gibt es in den niederen Körpern Veränderlichkeit sowohl hinsichtlich des substanziellen Seins, insofern ihre Materie unter der Beraubung ihrer substanziellen Form existieren kann, als auch hinsichtlich ihres akzidentellen Seins, vorausgesetzt das Subjekt koexistiert mit der Beraubung des Akzidens; wie zum Beispiel dieses Subjekt „Mensch“ mit „Nicht-Weißheit“ existieren kann und daher von weiß zu nicht-weiß verändert werden kann. Aber vorausgesetzt, das Akzidens ist derart, dass es aus den wesentlichen Prinzipien des Subjekts folgt, dann kann die Beraubung eines solchen Akzidens nicht mit dem Subjekt koexistieren. Daher kann das Subjekt hinsichtlich dieser Art von Akzidens nicht verändert werden; wie zum Beispiel Schnee nicht schwarz gemacht werden kann. In den Himmelskörpern nun ist die Materie nicht vereinbar mit der Beraubung der Form, weil die Form die ganze Potenz der Materie vervollkommnet; daher sind diese Körper nicht veränderlich hinsichtlich des substanziellen Seins, sondern nur hinsichtlich des Ortes, weil das Subjekt mit der Beraubung dieses oder jenes Ortes vereinbar ist. Andererseits sind unkörperliche Substanzen, da sie subsistierende Formen sind, die, obwohl sie sich hinsichtlich ihres eigenen Daseins wie Potenz zum Akt verhalten, nicht vereinbar mit der Beraubung dieses Aktes; insofern das Dasein der Form folgt und nichts vergeht, außer es verliert seine Form. Daher gibt es in der Form selbst keine Potenz zum Nichtsein; und so sind diese Arten von Substanzen unveränderlich und unwandelbar hinsichtlich ihres Daseins. Weshalb Dionysius sagt (Div. Nom. iv), dass „intellektuelle geschaffene Substanzen rein von Generation und von jeder Variation sind, wie auch unkörperliche und immaterielle Substanzen“. Dennoch bleibt in ihnen eine zweifache Veränderlichkeit: eine hinsichtlich ihrer Potenz zu ihrem Ziel; und auf diese Weise gibt es in ihnen eine Veränderlichkeit gemäß der Wahl vom Guten zum Bösen, wie Damascene sagt (De Fide ii, 3,4); die andere hinsichtlich des Ortes, insofern sie durch ihre endliche Kraft zu bestimmten neuen Orten gelangen – was von Gott nicht gesagt werden kann, der durch seine Unendlichkeit alle Orte erfüllt, wie oben gezeigt wurde (Frage 8, Artikel 2).
So gibt es in jedem Geschöpf eine Potenz zur Veränderung, entweder hinsichtlich des substanziellen Seins, wie im Falle der vergänglichen Dinge; oder nur hinsichtlich des Ortes, wie im Falle der Himmelskörper; oder hinsichtlich der Ordnung zu ihrem Ziel und der Anwendung ihrer Kräfte auf verschiedene Objekte, wie es bei den Engeln der Fall ist; und universell sind alle Geschöpfe allgemein veränderlich durch die Macht des Schöpfers, in dessen Macht ihr Dasein und Nichtsein liegt. Da Gott also auf keine dieser Weisen veränderlich ist, kommt es ihm allein zu, gänzlich unveränderlich zu sein.
Antwort auf Einwand 1: Dieser Einwand geht von der Veränderlichkeit hinsichtlich des substanziellen oder akzidentellen Seins aus; denn die Philosophen handelten von solcher Bewegung.
Antwort auf Einwand 2: Die guten Engel haben außer ihrer natürlichen Ausstattung der Unveränderlichkeit des Seins auch die Unveränderlichkeit der Erwählung durch göttliche Kraft; dennoch bleibt in ihnen Veränderlichkeit hinsichtlich des Ortes.
Antwort auf Einwand 3: Formen werden unwandelbar genannt, insofern sie nicht Subjekte der Variation sein können; aber sie unterliegen der Variation, weil durch sie ihr Subjekt veränderlich ist. Daher ist es klar, dass sie variieren, insofern sie sind; denn sie werden nicht Seiende genannt, als ob sie das Subjekt des Seins wären, sondern weil durch sie etwas Sein hat.