
Rabanus Maurus
Catena Aurea · Matthäusevangelium 9
18 Während er so zu ihnen redete, kam ein Synagogenvorsteher, fiel vor ihm nieder und sagte: Meine Tochter ist soeben gestorben. Aber komm und leg ihr deine Hand auf, dann wird sie leben. 19 Jesus stand auf und folgte ihm mit seinen Jüngern. 20 Da trat eine Frau, die seit zwölf Jahren an Blutungen litt, von hinten an ihn heran und berührte den Zipfel seines Gewandes. 21 Denn sie dachte: Wenn ich nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. 22 Jesus aber wandte sich um, sah sie und sagte: Mut, meine Tochter, dein Glaube hat dir Heilung gebracht. Von jener Stunde an war die Frau geheilt.
(part. e Beda.) Oder: Der Vorsteher der Synagoge bezeichnet Moses; er heißt Jairus, ‚erleuchtend‘ oder ‚der erleuchten wird‘, weil er die Worte des Lebens empfing, um sie uns zu geben, und durch sie alle erleuchtet, selbst vom Heiligen Geist erleuchtet. Die Tochter des Vorstehers, das heißt die Synagoge selbst, die gleichsam im zwölften Jahr ihres Alters stand, das heißt in der Zeit der Pubertät, in der sie Gott geistliche Nachkommenschaft hätte gebären sollen, verfiel in die Krankheit des Irrtums. Während nun das Wort Gottes zu dieser Tochter des Vorstehers eilt, um die Söhne Israels zu heilen, wird eine heilige Kirche aus den Heiden gesammelt, die, während sie durch innere Verderbnis zugrunde ging, durch den Glauben die Heilung empfing, die für andere bereitet war. Es ist zu beachten, dass die Tochter des Vorstehers zwölf Jahre alt war und diese Frau zwölf Jahre krank war; so hatte sie gerade zu der Zeit zu erkranken begonnen, als jene geboren wurde; so hatte in ein und demselben Zeitalter die Synagoge ihre Geburt unter den Patriarchen, und die Heidenvölker begannen, mit der Seuche des Götzendienstes befleckt zu werden. Denn der Blutfluss kann auf zweierlei Weise verstanden werden, entweder als die Befleckung des Götzendienstes oder als Gehorsam gegenüber den Lüsten des Fleisches und Blutes. Solange also die Synagoge blühte, siechte die Kirche dahin; der Abfall der ersten wurde das Heil der Heiden. Auch die Kirche naht sich und berührt den Herrn, wenn sie sich ihm im Glauben nähert. Sie glaubte, sprach ihren Glauben aus und berührte, denn durch diese drei Dinge, Glaube, Wort und Tat, wird alles Heil erlangt. Sie kam von hinten, als er sprach: Wenn jemand mir dient, soll er mir nachfolgen; (Johannes 12,26.) oder weil sie, ohne den Herrn im Fleisch gegenwärtig gesehen zu haben, als die Sakramente seiner Menschwerdung erfüllt waren, endlich zur Gnade der Erkenntnis seiner gelangte. So berührte sie auch die Quaste seines Gewandes, weil die Heiden, obwohl sie Christus nicht im Fleisch gesehen hatten, die Kunde seiner Menschwerdung empfingen. Das Gewand Christi steht für das Geheimnis seiner Menschwerdung, mit dem seine Gottheit bekleidet ist; die Quaste seines Gewandes sind die Worte, die an seiner Menschwerdung hängen. Sie berührt nicht das Gewand, sondern dessen Quaste; weil sie den Herrn nicht im Fleisch sah, sondern das Wort der Menschwerdung durch die Apostel empfing. Selig, wer auch nur den äußersten Teil des Wortes im Glauben berührt. Sie wird geheilt, während der Herr nicht in der Stadt ist, sondern noch unterwegs; wie die Apostel riefen: Weil ihr euch des ewigen Lebens unwürdig erachtet, siehe, wenden wir uns zu den Heiden. (Apostelgeschichte 13,46.) Und seit der Zeit der Ankunft des Herrn begannen die Heiden geheilt zu werden.