
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Matthäusevangelium 7
3 Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? 4 Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!, und dabei steht ein Balken in deinem Auge? 5 Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge. Dann magst du sehen, wie du den Splitter aus dem Auge deines Bruders herausziehst.
(Serm. in Mont. ii. 19.) Wenn wir also in die Notwendigkeit kommen, jemanden zu tadeln, so lass uns zuerst bedenken, ob die Sünde so beschaffen ist, dass wir sie nie begangen haben; zweitens, dass wir noch Menschen sind und in sie fallen können; dann, ob es eine ist, die wir begangen haben und jetzt nicht mehr begehen, und dann lass unsere gemeinsame Schwachheit in unseren Sinn kommen, damit Mitleid und nicht Hass der Zurechtweisung vorausgehe. Sollten wir uns selbst in demselben Fehler befinden, so lass uns nicht tadeln, sondern mit dem Sünder seufzen und ihn einladen, mit uns zu kämpfen. Selten zwar und in Fällen großer Notwendigkeit ist ein Tadel anzuwenden; und dann nur, damit dem Herrn gedient werde und nicht uns selbst.