
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Matthäusevangelium 7
1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! 2 Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch gemessen werden.
(Serm. in Mont. ii. 18.) Ich nehme an, das Gebot hier ist kein anderes, als dass wir solche Handlungen, bei denen zweifelhaft scheint, mit welcher Gesinnung sie getan wurden, immer zum Besten auslegen sollen. Aber bei solchen, die nicht mit guter Absicht geschehen können, wie Ehebruch, Lästerungen und dergleichen, erlaubt Er uns zu richten; bei indifferenten Handlungen aber, die sowohl mit guter als auch mit böser Absicht geschehen können, ist es voreilig zu richten, besonders aber zu verurteilen. Es gibt zwei Fälle, in denen wir uns besonders vor voreiligen Urteilen hüten sollten: wenn nicht ersichtlich ist, mit welcher Gesinnung die Handlung geschah; und wenn noch nicht ersichtlich ist, was für ein Mensch einer werden mag, der jetzt entweder gut oder böse erscheint. Deshalb sollten wir weder jene Dinge tadeln, von denen wir wissen, mit welcher Gesinnung sie getan werden, noch jene Dinge, die offenkundig sind, so tadeln, als ob wir an der Besserung verzweifelten. Hier könnte man denken, es liege eine Schwierigkeit in dem, was folgt: „Mit welchem Urteil ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden.“ Wenn wir ein voreiliges Urteil fällen, wird Gott uns dann mit einem ähnlichen richten? Oder wenn wir mit einem falschen Maß gemessen haben, gibt es bei Gott ein falsches Maß, mit dem es uns wieder zugemessen wird? Denn mit „Maß“ ist hier, nehme ich an, das Urteil gemeint. Gewiss wird nur gesagt, dass die Eile, mit der du einen anderen bestrafst, selbst deine Strafe sein wird. Denn Ungerechtigkeit schadet oft dem nicht, der das Unrecht erleidet; aber sie muss immer dem schaden, der das Unrecht tut.