
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Matthäusevangelium 5
43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt euere Feinde und betet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Söhne eueres Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr dafür? Machen nicht auch die Zöllner dasselbe? 47 Und wenn ihr nur euere Brüder grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? 48 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
(Serm. in Mont. i. 21.) Hier erhebt sich eine Frage, dass dieses Gebot des Herrn, durch das er uns befiehlt, für unsere Feinde zu beten, vielen anderen Teilen der Schrift entgegenzustehen scheint. Bei den Propheten finden sich viele Verwünschungen gegen Feinde; wie jene im 108. Psalm: Seine Kinder sollen Waisen werden. (Ps. 109,9.) Doch muss man wissen, dass die Propheten kommende Dinge in Form eines Gebets oder Wunsches vorherzusagen pflegen. Größeres Gewicht hat als Schwierigkeit, dass Johannes sagt: Es gibt eine Sünde zum Tode, ich sage nicht, dass er für sie beten soll; (1 Joh. 5,16.) was deutlich zeigt, dass es einige Brüder gibt, für die er uns nicht zu beten befiehlt; denn was vorausging, war: Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde usw. Doch der Herr befiehlt uns, für unsere Verfolger zu beten. Diese Frage kann nur gelöst werden, wenn wir zugeben, dass es in Brüdern einige Sünden gibt, die schwerwiegender sind als die Sünde der Verfolgung in unseren Feinden. Denn so betet Stephanus für die, die ihn steinigten, weil sie noch nicht an Christus geglaubt hatten; aber der Apostel Paulus (2 Tim. 4,14.) betet nicht für Alexander, obwohl er ein Bruder war, sondern durch Eifersucht die Bruderschaft angegriffen und gesündigt hatte. Für wen du aber nicht betest, gegen den betest du damit nicht. Was sollen wir also von denen sagen, gegen die wir wissen, dass die Heiligen gebetet haben, und zwar nicht, dass sie korrigiert werden sollten (denn das wäre eher, für sie zu beten), sondern für ihre ewige Verdammnis; nicht wie jenes Gebet des Propheten gegen den Verräter des Herrn, denn das ist eine Prophezeiung der Zukunft, nicht eine Verwünschung der Strafe; sondern wie wenn wir in der Apokalypse das Gebet der Märtyrer lesen, dass sie gerächt werden. (Offb. 6,10.) Doch dürfen wir uns davon nicht beeinflussen lassen. Denn wer dürfte behaupten, dass sie gegen jene Personen selbst gebetet haben und nicht gegen das Reich der Sünde? Denn das wäre eine ebenso gerechte wie barmherzige Rache der Märtyrer, das Reich der Sünde zu stürzen, unter dessen Fortdauer sie all jene Übel erduldeten. Und es wird gestürzt durch die Besserung einiger und die Verdammnis derer, die in der Sünde verharren. Scheint dir nicht Paulus an seinem eigenen Leib Stephanus gerächt zu haben, wie er spricht: (1 Kor. 9,27.) Ich züchtige meinen Leib und bringe ihn in Knechtschaft.