
Hieronymus
Catena Aurea · Matthäusevangelium 5
43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt euere Feinde und betet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Söhne eueres Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr dafür? Machen nicht auch die Zöllner dasselbe? 47 Und wenn ihr nur euere Brüder grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? 48 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
Viele, die die Gebote Gottes an ihrer eigenen Schwäche messen, nicht an der Stärke der Heiligen, halten diese Gebote für unmöglich und sagen, es sei Tugend genug, unsere Feinde nicht zu hassen; sie aber zu lieben, sei ein Gebot, das zu befolgen über die menschliche Natur hinausgehe. Doch muss man verstehen, dass Christus nicht Unmögliches, sondern Vollkommenheit gebietet. So war die Gesinnung Davids gegenüber Saul und Absalom; auch der Märtyrer Stephanus betete für seine Feinde, während sie ihn steinigten, und Paulus wünschte sich selbst zum Anathema um seiner Verfolger willen. (Röm. 9,3.) Jesus lehrte und tat dasselbe, indem er sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lk. 23,34.)