
Gregor der Große
Catena Aurea · Matthäusevangelium 5
43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt euere Feinde und betet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Söhne eueres Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr dafür? Machen nicht auch die Zöllner dasselbe? 47 Und wenn ihr nur euere Brüder grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? 48 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
(Mor. xxii. 11.) Die Liebe zum Feind wird dann beobachtet, wenn wir nicht traurig sind über seinen Erfolg oder uns über seinen Fall freuen. Wir hassen den, dem wir nicht wünschen, dass es ihm besser ergeht, und verfolgen mit üblen Wünschen den Wohlstand des Menschen, über dessen Fall wir uns freuen. Doch kann es oft geschehen, dass ohne jede Aufopferung der Liebe der Fall eines Feindes uns erfreut und wiederum seine Erhöhung uns traurig macht, ohne jeden Verdacht des Neides; wenn nämlich durch seinen Fall ein verdienstvoller Mensch erhoben oder durch seinen Erfolg ein unverdienter niedergedrückt wird. Doch hierbei muss ein strenges Maß an Unterscheidung beachtet werden, damit wir nicht, indem wir unseren eigenen Hass verfolgen, ihn vor uns selbst unter dem trügerischen Vorwand des Nutzens anderer verbergen. Wir sollten abwägen, wie viel wir dem Fall des Sünders, wie viel wir der Gerechtigkeit des Richters schulden. Denn wenn der Allmächtige einen verstockten Sünder geschlagen hat, müssen wir sogleich seine Gerechtigkeit als Richter preisen und mit dem Leiden des anderen, der zugrunde geht, mitfühlen.