Origenes
Catena Aurea · Matthäusevangelium 27
45 Von der sechsten Stunde an aber kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 46 Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? 47 Als einige von den Umstehenden das hörten, sagten sie: Er ruft Elija. 48 Sofort lief einer von ihnen hin, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. 49 Die Übrigen aber sagten: Lass, wir wollen sehen, ob Elija kommt, um ihn zu retten. 50 Da schrie Jesus noch einmal laut auf und gab den Geist auf.
Dagegen wenden die Kinder dieser Welt ein: Wie kommt es, dass von den Griechen und Barbaren, die Beobachtungen dieser Dinge angestellt haben, nicht einer ein so bemerkenswertes Phänomen wie dieses aufgezeichnet hat? Phlegon zwar hat ein solches Ereignis zur Zeit des Kaisers Tiberius aufgezeichnet, aber er hat nicht erwähnt, dass es bei Vollmond geschah. Ich denke daher, dass, wie die anderen Wunder, die während des Leidens geschahen, das Zerreißen des Vorhangs und das Erdbeben, auch dieses auf Jerusalem beschränkt war. Oder, wenn jemand will, kann es auf ganz Judäa ausgedehnt werden; wie im Buch der Könige Abdias zu Elias sagte: So wahr der Herr, dein Gott, lebt, es gibt kein Volk noch Königreich, wohin mein Herr nicht gesandt hat, dich zu suchen (1 Kön 18,10), was bedeutet, dass er in den Ländern rings um Judäa gesucht wurde. Dementsprechend könnten wir annehmen, dass viele und dichte Wolken über Jerusalem und Judäa zusammengebracht wurden, genug, um dichte Finsternis von der sechsten bis zur neunten Stunde zu erzeugen. Denn wir verstehen, dass am sechsten Tag zwei Geschöpfe erschaffen wurden, die Tiere vor der sechsten Stunde, der Mensch in der sechsten; und daher war es angemessen, dass der, der für das Heil des Menschen starb, in der sechsten Stunde gekreuzigt wurde, und aus diesem Grund sollte Finsternis über die ganze Erde von der sechsten bis zur neunten Stunde sein. Und wie durch Moses, der seine Hände zum Himmel ausstreckte, Finsternis über die Ägypter kam, die die Diener Gottes in Knechtschaft hielten, so kam ebenfalls, als Christus in der sechsten Stunde seine Hände am Kreuz zum Himmel ausstreckte, Finsternis über das ganze Volk, das geschrien hatte: Kreuzige ihn!, und sie wurden allen Lichtes beraubt als Zeichen der Finsternis, die kommen sollte und das ganze Volk der Juden umfangen sollte. Weiterhin, unter Moses war Finsternis über das Land Ägypten drei Tage, aber alle Kinder Israels hatten Licht; so war unter Christus Finsternis über ganz Judäa drei Stunden, weil sie wegen ihrer Sünden des Lichtes Gottes des Vaters, des Glanzes Christi und der Erleuchtung des Heiligen Geistes beraubt wurden. Aber über dem Rest der Erde ist Licht, das überall die Kirche Gottes in Christus erleuchtet. Und wenn bis zur neunten Stunde Finsternis über Judäa war, ist es offenbar, dass ihnen danach wieder Licht zuteil wurde; so, wenn die Fülle der Heiden eingegangen sein wird, dann wird ganz Israel gerettet werden. (Röm 11,25.)