
Gregor der Große
Catena Aurea · Matthäusevangelium 18
10 Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel. 11 [Denn der Menschensohn ist gekommen zu retten, was verloren war.] 12 Was meint ihr? Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen verirrt sich, wird er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen lassen und das verirrte suchen? 13 Und wenn er es findet -- Amen, ich sage euch: Er freut sich mehr darüber als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. 14 So ist es auch nicht der Wille bei euerem Vater im Himmel, dass eines von den Kleinen verloren geht.
(ubi sup.) Wir müssen bedenken, woher es kommt, dass der Herr erklärt, Er habe mehr Freude über die bekehrten Sünder als über die Gerechten, die stehen. Weil diese letzteren oft träge und lässig sind, die größeren guten Werke zu üben, da sie in sich selbst sehr sicher sind, weil sie keine der schwereren Sünden begangen haben. Während andererseits jene, die ihre bösen Taten zu erinnern haben, oft durch die Zerknirschung der Trauer in ihrer Liebe zu Gott umso mehr erglühen, und wenn sie bedenken, wie sie von Ihm abgeirrt sind, ersetzen sie ihre früheren Verluste durch nachfolgende Gewinne. So liebt ein Feldherr in einer Schlacht am meisten jenen Soldaten, der sich in seiner Flucht wendet und mutig den Feind bedrängt, mehr als den, der nie den Rücken gekehrt hat, aber auch nie eine tapfere Tat vollbracht hat. Doch gibt es einige Gerechte, über die die Freude so groß ist, dass kein Büßer ihnen vorgezogen werden kann, jene, die, obwohl sie sich keiner Sünden bewusst sind, doch das Erlaubte zurückweisen und sich in allem demütigen. Wie groß ist die Freude, wenn der Gerechte trauert und sich demütigt, wenn es Freude gibt, wenn der Ungerechte sich selbst verurteilt, worin er gefehlt hat?