
Ambrosius von Mailand
Catena Aurea · Lukasevangelium 7
36 Ein Pharisäer lud Jesus zum Essen ein. Er ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch. 37 Da erfuhr eine Frau in der Stadt, eine Sünderin, dass er im Haus des Pharisäers zu Tisch lag. Sie brachte ein Alabastergefäß mit Salböl, 38 trat weinend von hinten an ihn heran und begann seine Füße mit ihren Tränen zu benetzen. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. 39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er ein Prophet wäre, so würde er doch wissen, wer und was das für eine Frau ist, die ihn berührt; sie ist ja eine Sünderin. 40 Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er erwiderte: Meister, sprich! 41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner, der eine schuldete ihm fünfhundert Denare, der andere fünfzig. 42 Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er es beiden. Welcher von ihnen wird ihn nun mehr lieben? 43 Simon antwortete: Ich denke der, dem er mehr geschenkt hat. Er sagte zu ihm: Du hast richtig geurteilt. 44 Und sich zu der Frau hinwendend, sagte er zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich kam in dein Haus: Wasser für die Füße hast du mir nicht gegeben; sie aber hat meine Füße mit ihren Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. 45 Einen Kuss hast du mir nicht gegeben; sie aber hat, seitdem sie eingetreten ist, nicht aufgehört, meine Füße zu küssen. 46 Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Öl gesalbt. 47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben, weil sie viel geliebt hat; wem aber nur wenig vergeben wird, der liebt auch wenig. 48 Zu ihr aber sagte er: Deine Sünden sind dir vergeben. 49 Da dachten die (anderen) Tischgenossen: Wer ist das, der sogar Sünden vergibt? 50 Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dich gerettet. Geh hin in Frieden!
Selig ist sogar der, welcher die Füße Christi mit Öl salben kann, aber seliger ist der, welcher mit Salböl salbt; denn die Essenz vieler Blumen, in eine gemischt, verströmt die Süßigkeiten verschiedener Düfte. Und vielleicht kann niemand außer der Kirche allein jenes Salböl bringen, das unzählige Blumen verschiedener Wohlgerüche hat, und deshalb kann niemand so sehr lieben wie sie, die in vielen Einzelnen liebt. Aber im Hause des Pharisäers, das heißt im Hause des Gesetzes und der Propheten, wird nicht der Pharisäer, sondern die Kirche gerechtfertigt. Denn der Pharisäer glaubte nicht, die Kirche glaubte. Das Gesetz hat kein Geheimnis, durch das verborgene Fehler gereinigt werden, und deshalb wird das, was im Gesetz fehlt, im Evangelium ergänzt. Die zwei Schuldner aber sind die zwei Völker, die dem Wucherer der himmlischen Schatzkammer zur Zahlung verpflichtet sind. Wir schulden diesem Wucherer jedoch kein materielles Geld, sondern die Bilanz unserer guten Werke, die Münze unserer Tugenden, deren Verdienste nach dem Gewicht der Trauer, dem Gepräge der Gerechtigkeit, dem Klang der Beichte geschätzt werden. Jener Denar aber ist von nicht geringem Wert, auf dem das Bild des Königs zu finden ist. Wehe mir, wenn ich nicht habe, was ich empfangen habe. Oder weil es kaum jemanden gibt, der die ganze Schuld an den Wucherer zahlen kann, wehe mir, wenn ich nicht suche, dass mir die Schuld erlassen werde. Welches Volk aber ist es, das am meisten schuldet, wenn nicht wir, denen am meisten geliehen wurde? Ihnen wurden die Aussprüche Gottes anvertraut, uns ist die Nachkommenschaft der Jungfrau anvertraut, Immanuel, d. h. Gott mit uns, das Kreuz unseres Herrn, sein Tod, seine Auferstehung. Es kann also nicht bezweifelt werden, dass der am meisten schuldet, der am meisten empfängt. Unter den Menschen beleidigt vielleicht der am meisten, der am meisten verschuldet ist. Durch die Barmherzigkeit des Herrn wird der Fall umgekehrt, so dass der am meisten liebt, der am meisten schuldet, wenn er nämlich Gnade erlangt. Und da es nichts gibt, was wir dem Herrn würdig zurückgeben können, wehe auch mir, wenn ich nicht geliebt habe. Lasst uns also unsere Liebe für die Schuld darbringen, denn der liebt am meisten, dem am meisten gegeben wird.