
Ambrosius von Mailand
Catena Aurea · Lukasevangelium 21
20 Wenn ihr Jerusalem von Kriegsheeren eingeschlossen seht, dann erkennt daran, dass seine Verwüstung nahe ist. 21 Dann fliehe in die Berge, wer in Judäa ist, und wer in (der Stadt) ist, ziehe hinaus, und wer auf dem Land ist, gehe nicht in sie hinein; 22 denn das sind die Tage der Vergeltung, damit alles in Erfüllung geht, was geschrieben steht. 23 Wehe den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Denn es wird große Not über das Land kommen und ein Zorngericht über dieses Volk. 24 Sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und als Gefangene unter alle Heiden verschleppt. Jerusalem wird von den Heiden zertreten werden, bis (auch) die Zeiten der Völker sich erfüllen.
Mystisch aber ist der Gräuel der Verwüstung das Kommen des Antichrist, denn mit unheilvollem Frevel befleckt er die innersten Gemächer des Herzens, indem er buchstäblich im Tempel sitzt, um sich den Thron göttlicher Macht anzumaßen. Nach dem geistlichen Sinn aber wird er treffend eingeführt, weil er den Fußstapfen seines Unglaubens den Neigungen fest einprägen will, indem er aus den Schriften bestreitet, dass er Christus sei. Dann wird Verwüstung kommen, denn sehr viele werden abfallen und von der wahren Religion weichen. Dann wird der Tag des Herrn sein, da, wie sein erstes Kommen die Sünde erlöste, so auch sein zweites die Ungerechtigkeit unterwerfen wird, damit nicht mehr durch den Irrtum des Unglaubens fortgerissen werden. Es gibt auch einen anderen Antichrist, das ist der Teufel, der versucht, Jerusalem, d. h. die friedvolle Seele, mit den Heerscharen seines Gesetzes zu belagern. Wenn dann der Teufel mitten im Tempel ist, da ist die Verwüstung des Gräuels. Wenn aber über einen Bedrängten die geistliche Gegenwart Christi aufleuchtet, wird der Ungerechte hinausgeworfen, und die Gerechtigkeit beginnt ihre Herrschaft. Es gibt auch einen dritten Antichrist, wie Arius und Sabellius und alle, die uns mit böser Absicht irreführen. Diese aber sind es, die schwanger sind, denen Wehe angedroht wird, die die Größe ihres Fleisches vermehren, und deren Schritt der innersten Seele langsam wird, wie die, welche in der Tugend erschöpft, mit Laster schwanger sind. Aber auch die Schwangeren entgehen nicht der Verdammnis, die zwar im Entschluss zu guten Werken fest sind, aber noch keine Früchte des unternommenen Werkes hervorgebracht haben. Diese sind es, die aus Furcht vor Gott empfangen, aber nicht alle gebären. Denn es gibt einige, die das Wort als Fehlgeburt vor der Geburt ausstoßen. Es gibt auch andere, die Christus im Mutterleib haben, ihn aber noch nicht geformt haben. Daher gebiert die, welche die Gerechtigkeit gebiert, Christus. Lasst auch uns eilen, unsere Kinder zu nähren, damit nicht der Tag des Gerichts oder des Todes uns gleichsam als Eltern einer unvollkommenen Nachkommenschaft finde. Und dies wirst du tun, wenn du alle Worte der Gerechtigkeit in deinem Herzen bewahrst und nicht die Zeit des Alters abwartest, sondern in deinen frühesten Jahren, ohne Verderbnis deines Leibes, schnell die Weisheit empfängst, schnell sie nährst. Am Ende aber wird ganz Judäa den Völkern unterworfen werden, die glauben werden, durch den Mund des geistlichen Schwertes, welches das zweischneidige Wort ist. (Offb 1,16; 19,15.)