
Ambrosius von Mailand
Catena Aurea · Lukasevangelium 20
9 Er erzählte dem Volk folgendes Gleichnis: Ein Mann pflanzte einen Weinberg, verpachtete ihn an Winzer und reiste für lange Zeit in die Fremde. 10 Als es an der Zeit war, sandte er einen Knecht zu den Winzern, damit sie ihm (seinen Anteil) von der Frucht des Weinberges geben sollten. Die Winzer aber schlugen ihn und schickten ihn leer fort. 11 Und er sandte nochmals einen anderen Knecht; sie aber schlugen und beschimpften auch den und schickten ihn leer fort. 12 Darauf sandte er einen dritten; sie verwundeten auch den und warfen ihn hinaus. 13 Da sagte der Herr des Weinbergs: Was soll ich tun? Ich will meinen geliebten Sohn senden; vor ihm werden sie wohl Achtung haben. 14 Als ihn aber die Winzer sahen, überlegten sie miteinander und sagten: Das ist der Erbe; wir wollen ihn töten, damit das Erbe uns gehört. 15 Sie warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und töteten ihn. Was wird nun der Herr des Weinbergs mit ihnen tun? 16 Er wird kommen und diese Winzer umbringen und den Weinberg anderen geben. Als sie das hörten, sagten sie: Das sei fern! 17 Er blickte sie an und sagte: Was bedeutet das Schriftwort:Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, / er ist zum Eckstein geworden? 18 Jeder, der auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen er aber fällt, den wird er zermalmen.
Der Weinberg ist auch unser Sinnbild. Denn der Weingärtner ist der allmächtige Vater, der Weinstock ist Christus, wir aber sind die Reben. (Joh. 15,5.) Zu Recht wird das Volk Christi ein Weinstock genannt, sei es, weil es das Zeichen des Kreuzes an seiner Stirn trägt, sei es, weil seine Früchte in der späteren Jahreszeit gesammelt werden, sei es, weil allen Menschen, wie den gleichmäßigen Reihen der Reben, Armen wie Reichen, Knechten wie Herren, ein gleiches Los in der Kirche ohne Ansehen der Person zuteil wird. Und wie der Weinstock mit den Bäumen vermählt ist, so der Leib mit der Seele. Diesen Weinberg liebend, pflegt der Weingärtner ihn zu graben und zu beschneiden, damit er nicht zu üppig im Schatten seines Laubes wachse und durch unfruchtbare Prahlerei mit Worten die Reifung seines natürlichen Wesens hemme. Hier muss die Weinlese der ganzen Welt sein, denn hier ist der Weinberg der ganzen Welt.