
Gregor der Große
Catena Aurea · Lukasevangelium 19
41 Als er näher kam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: 42 Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zu deinem Frieden ist! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen. 43 Es werden Tage über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall gegen dich aufwerfen, dich ringsum einschließen und von allen Seiten bedrängen. 44 Sie werden dich und deine Kinder zu Boden werfen und keinen Stein auf dem andern lassen, weil du die Zeit deiner (gnadenvollen) Heimsuchung nicht erkannt hast.
(Hom. 39. in Ev.) Oder anders: Die bösen Geister belagern die Seele, wenn sie aus dem Leibe scheidet, denn von der Liebe des Fleisches ergriffen, liebkosen sie sie mit trügerischen Lüsten. Sie umgeben sie mit einem Wall, weil sie all ihre Bosheit, die sie begangen hat, vor die Augen ihres Geistes bringt und sie auf die Gemeinschaft ihrer eigenen Verdammnis beschränkt, damit sie, im äußersten Augenblick des Lebens gefangen, sehe, von welchen Feinden sie blockiert wird, aber keinen Ausweg finden könne, weil sie keine guten Werke mehr tun kann, da sie die, die sie einst hätte tun können, verachtete. Von allen Seiten umschließen sie auch die Seele, wenn ihre Missetaten vor ihr aufsteigen, nicht nur in der Tat, sondern auch im Wort und Gedanken, damit die, die sich zuvor in vielfacher Weise in der Bosheit sehr ausgebreitet hatte, nun am Ende in jeder Hinsicht im Gericht beengt werde. Dann freilich wird die Seele durch die bloße Beschaffenheit ihrer Schuld zu Boden geworfen, während ihrem Fleisch, das sie für ihr Leben hielt, geboten wird, zum Staub zurückzukehren. Dann fallen ihre Kinder im Tod, wenn alle unreinen Gedanken, die nur aus ihr hervorgehen, in der letzten Strafe des Lebens zerstreut werden. Diese können auch durch die Steine bezeichnet werden. Denn der verdorbene Geist, wenn er zu einem verdorbenen Gedanken noch einen weiteren verdorbenen hinzufügt, legt einen Stein auf den anderen. Wenn aber die Seele ihrem Verderben zugeführt wird, wird das ganze Gebäude ihrer Gedanken zerrissen. Doch die böse Seele hört Gott nicht auf mit seiner Lehre heimzusuchen, bald mit der Geißel, bald mit einem Wunder; damit sie die Wahrheit, die sie nicht kannte, höre und, obwohl sie sie noch verachtet, im Schmerz zerknirscht zurückkehre oder, von Erbarmen überwunden, sich des Bösen schäme, das sie getan hat. Weil sie aber die Zeit ihrer Heimsuchung nicht kennt, wird sie am Ende des Lebens ihren Feinden übergeben, damit sie mit ihnen im Band der ewigen Verdammnis vereint werde.