
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Lukasevangelium 19
11 Als sie dies hörten, fuhr er fort und erzählte ein Gleichnis; denn er war (schon) nahe bei Jerusalem und sie meinten, das Reich Gottes werde sogleich erscheinen. 12 Er sagte: Ein Mann von edler Abkunft reiste in ein fernes Land, um die Königswürde zu erlangen und dann zurückzukehren. 13 Er rief zehn seiner Knechte zu sich und gab ihnen zehn Minen und sagte zu ihnen: Macht damit Geschäfte, bis ich zurückkomme! 14 Seine Mitbürger aber hassten ihn und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser Mann unser König wird. 15 Nachdem er die Königswürde erlangt hatte, kehrte er zurück und ließ die Knechte rufen, denen er das Geld gegeben hatte, um zu erfahren, was ein jeder erhandelt hatte. 16 Der Erste kam und sagte: Herr, deine Mine hat zehn Minen hinzuerworben. 17 Da sagte er zu ihm: Recht so, du guter Knecht! Weil du in Geringem treu gewesen bist, sollst du die Herrschaft über zehn Städte haben. 18 Der zweite kam und sagte: Herr, deine Mine hat fünf Minen eingetragen. 19 Auch zu diesem sagte er: Auch du sollst über fünf Städte gebieten. 20 Und ein anderer kam und sagte: Herr, da ist deine Mine, die ich in einem Schweißtuch verwahrt habe; 21 denn ich hatte Angst vor dir, weil du ein harter Mann bist. Du nimmst, was du nicht angelegt, und erntest, was du nicht gesät hast. 22 Da sagte er zu ihm: Aus deinem Mund richte ich dich, du schlechter Knecht! Du wusstest, dass ich ein harter Mann bin, dass ich nehme, was ich nicht angelegt, und ernte, was ich nicht gesät habe. 23 Warum hast du mein Geld nicht auf die Bank gegeben? Dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen abheben können. 24 Und zu den Umstehenden sagte er: Nehmt ihm die Mine und gebt sie dem, der die zehn Minen hat! 25 Sie sagten zu ihm: Herr, er hat doch schon zehn Minen. 26 Ich sage euch: Jedem, der hat, wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, genommen. 27 Diese meine Feinde aber, die nicht wollten, dass ich ihr König werde -- bringt sie her und macht sie vor meinen Augen nieder!
(de Quæst. Evan. lib. ii. qu. 46.) Oder aber: Dass einer von denen, die ihr Geld gut einsetzten, zehn Pfund gewann, ein anderer fünf, bedeutet, dass sie sie für die Herde Gottes erwarben, von der das Gesetz nun durch die Gnade verstanden wurde, sei es wegen der zehn Gebote des Gesetzes, sei es, weil der, durch den das Gesetz gegeben wurde, fünf Bücher schrieb; und dazu gehören die zehn und fünf Städte, über die er sie setzt, um ihnen vorzustehen. Denn die vielfältigen Bedeutungen oder Auslegungen, die sich zu einem einzelnen Gebot oder Buch ergeben, bilden, wenn sie auf eins reduziert und zusammengebracht werden, gleichsam eine Stadt lebendiger ewiger Gründe. Daher ist eine Stadt nicht eine Menge lebender Geschöpfe, sondern vernunftbegabter Wesen, die durch die Gemeinschaft eines Gesetzes verbunden sind. Die Knechte also, die Rechenschaft über das ablegen, was sie empfangen haben, und dafür gelobt werden, dass sie mehr gewonnen haben, stellen die dar, die Rechenschaft ablegen und das, was sie empfangen haben, gut eingesetzt haben, um den Reichtum ihres Herrn durch die zu vermehren, die an ihn glauben; die aber, die das nicht tun wollen, werden durch jenen Knecht bezeichnet, der sein Pfund in einem Schweißtuch aufbewahrte; von dem es folgt: Und der dritte kam und sagte: Herr, siehe, hier ist dein Pfund, das ich in einem Schweißtuch aufbewahrt habe, usw. Denn es gibt einige, die sich mit dieser Täuschung schmeicheln und sagen: Es genügt für jeden Einzelnen, für sich selbst Rechenschaft abzulegen; wozu bedarf es dann anderer, die predigen und dienen, damit jeder auch gezwungen werde, für sich selbst Rechenschaft abzulegen, da doch vor den Augen des Herrn selbst die ohne Entschuldigung sind, denen das Gesetz nicht gegeben wurde und die zur Zeit der Predigt des Evangeliums nicht schliefen, denn sie hätten den Schöpfer durch die Schöpfung erkennen können; und dann folgt: Denn ich fürchtete dich, weil du ein strenger Mann bist, usw. Denn das ist gleichsam ernten, wo er nicht gesät hat, das heißt, die der Gottlosigkeit für schuldig halten, denen dieses Wort des Gesetzes oder des Evangeliums nicht gepredigt wurde, und gleichsam diese Gefahr des Gerichts vermeiden, ruhen sie mit träger Mühe vom Dienst des Wortes aus. Und das ist es, in ein Schweißtuch einzuwickeln, was sie empfangen haben.