
Gregor der Große
Catena Aurea · Lukasevangelium 18
35 Als er in die Nähe von Jericho kam, saß ein Blinder am Weg und bettelte. 36 Als der die Menge vorüberziehen hörte, fragte er, was das zu bedeuten hätte. 37 Man sagte ihm, Jesus von Nazaret gehe vorüber. 38 Da rief er: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die Vorausgehenden fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie nur noch lauter: Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40 Da blieb Jesus stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er nahe herangekommen war, fragte er ihn: 41 Was willst du, dass ich dir tun soll? 42 Er sagte: Herr, dass ich wieder sehen kann. Da sagte Jesus zu ihm: Du sollst wieder sehen, dein Glaube hat dir Heilung gebracht. 43 Sogleich sah er wieder, pries Gott und folgte ihm. Und das ganze Volk, das zugesehen hatte, gab Gott die Ehre.
(Hom. 2. in Ev.) Oder die Blindheit ist ein Sinnbild des Menschengeschlechts, das in unserem ersten Eltern die Helligkeit des himmlischen Lichts nicht kannte und nun die Finsternis seiner Verdammnis erleidet. Jericho wird als „der Mond“ gedeutet, dessen monatliche Abnahmen die Schwäche unserer Sterblichkeit darstellen. Während nun unser Schöpfer sich Jericho nähert, wird der Blinde wieder sehend, weil, als Gott die Schwäche unseres Fleisches annahm, das Menschengeschlecht das Licht zurückerhielt, das es verloren hatte. Wer also diese Helligkeit des ewigen Lichts nicht kennt, ist blind. Wenn er aber nicht mehr tut, als an den Erlöser zu glauben, der sprach: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; (Joh 13,6.) der sitzt am Wegesrand. Wenn er sowohl glaubt als auch bittet, das ewige Licht zu empfangen, sitzt er am Wegesrand und bettelt. Die, die vor Jesus hergingen, als Er kam, stellen die Menge der fleischlichen Begierden und die geschäftige Schar der Laster dar, die, bevor Jesus in unser Herz kommt, unsere Gedanken zerstreuen und uns sogar im Gebet stören. Aber der Blinde rief noch mehr; denn je heftiger wir von unseren ruhelosen Gedanken bedrängt werden, desto inbrünstiger müssen wir uns dem Gebet hingeben. Solange wir noch unsere mannigfachen Einbildungen im Gebet stören lassen, fühlen wir gewissermaßen Jesus vorbeigehen. Wenn wir aber im Gebet sehr standhaft sind, ist Gott in unserem Herzen fest, und das verlorene Licht wird wiederhergestellt. Oder: Vorbeigehen ist Sache des Menschen, Stehenbleiben Sache Gottes. Der Herr also hörte vorbeigehend den Blinden schreien, stehenbleibend stellte Er ihn wieder her; denn durch Seine Menschheit hat Er in Seinem Erbarmen mit unserer Blindheit Mitleid mit unseren Schreien, durch die Kraft Seiner Gottheit gießt Er das Licht Seiner Gnade über uns aus.