
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Lukasevangelium 15
25 Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er kam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz. 26 Da rief er einen der Knechte herbei und fragte, was das sei. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiedererhalten hat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Doch sein Vater kam heraus und redete ihm zu. 29 Er aber gab dem Vater zur Antwort: So viele Jahre diene ich dir und habe nie dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie (auch nur) einen Bock gegeben, damit ich mit meinen Freunden feiern konnte. 30 Jetzt aber, als dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Vermögen mit Dirnen verprasst hat, hast du ihm das Mastkalb geschlachtet. 31 Er aber sagte zu ihm: Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, ist dein. 32 Feiern aber und uns freuen müssen wir; denn dein Bruder war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wiedergefunden worden.
(ubi sup.) Was aber bedeutet es, dass er hinzufügt: Und alles, was mein ist, ist dein, als wäre es nicht auch das seines Bruders? Aber so werden alle Dinge von vollkommenen und unsterblichen Kindern betrachtet, dass jedem alles gehört und allen jedes. Denn wie die Begierde nichts ohne Mangel erlangt, so die Liebe nichts mit Mangel. Aber wie alles? Muss man dann annehmen, dass Gott auch die Engel dem Besitz eines solchen Sohnes unterworfen hat? Wenn du den Besitz so verstehst, dass der Besitzer einer Sache ihr Herr ist, dann gewiss nicht alles. Denn wir werden nicht die Herren, sondern die Gefährten der Engel sein. Wenn der Besitz wiederum so verstanden wird, wie sagen wir dann mit Recht, dass unsere Seelen die Wahrheit besitzen? Ich sehe keinen Grund, warum wir das nicht wahrhaft und eigentlich sagen könnten. Denn wir sprechen nicht so, dass wir unsere Seelen die Herrinnen der Wahrheit nennen. Oder wenn der Begriff Besitz uns an dieser Bedeutung hindert, so sei auch das beiseitegelassen. Denn der Vater sagt nicht: „Du besitzest alles“, sondern: Alles, was mein ist, ist dein, doch nicht als wärst du sein Herr. Denn was unser Eigentum ist, kann entweder Nahrung für unsere Familien sein oder Schmuck oder etwas Derartiges. Und wahrlich, wenn er mit Recht seinen Vater seinen eigenen nennen kann, sehe ich nicht, warum er nicht auch mit Recht das, was seinem Vater gehört, sein eigen nennen kann, nur auf verschiedene Weise. Denn wenn wir jene Seligkeit erlangt haben, werden die höheren Dinge uns zum Anschauen, die gleichen uns zur Gemeinschaft, die niederen uns zum Beherrschen gehören. So möge sich der ältere Bruder ganz sicher der Freude anschließen.