
Ambrosius von Mailand
Catena Aurea · Lukasevangelium 12
49 Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und wie wünschte ich, dass es schon entfacht wäre! 50 Ich muss mit einer Taufe getauft werden und ich bin bedrückt, solange sie noch nicht vollzogen ist. 51 Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Entzweiung. 52 Denn von nun an werden fünf in einem Haus entzweit sein, drei gegen zwei und zwei gegen drei, 53 der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.
Im mystischen Sinn ist das eine Haus der eine Mensch, aber mit den zwei meinen wir oft die Seele und den Leib. Wenn aber zwei Dinge zusammentreffen, hat jedes seinen Teil; das eine gehorcht, das andere herrscht. Es gibt aber drei Zustände der Seele: der eine betrifft die Vernunft, der andere das Verlangen, der dritte den Zorn. Zwei also sind gegen drei geteilt und drei gegen zwei. Denn durch das Kommen Christi wurde der Mensch, der materiell war, vernünftig. Wir waren fleischlich und irdisch; Gott sandte Seinen Geist in unsere Herzen, und wir wurden geistliche Kinder. (Gal 4,6.) Wir können auch sagen, dass im Haus fünf andere sind, nämlich Geruch, Tastsinn, Geschmack, Gesicht und Gehör. Wenn wir also in Bezug auf das, was wir hören oder sehen, den Gesichts- und Gehörsinn absondern und die wertlosen Freuden des Leibes, die wir durch Geschmack, Tastsinn und Geruch aufnehmen, ausschließen, teilen wir zwei gegen drei, weil der Geist nicht von den Lockungen des Lasters fortgetragen wird. Oder wenn wir die fünf leiblichen Sinne verstehen, sind die Laster und Sünden des Leibes schon unter sich geteilt. Fleisch und Seele scheinen auch vom Geruch, Tastsinn und Geschmack der Lust getrennt zu sein, denn während das stärkere Geschlecht der Vernunft gleichsam zu männlichen Neigungen angetrieben wird, strebt das Fleisch danach, die Vernunft weibischer zu halten. Aus diesen entspringen dann die Regungen verschiedener Begierden, aber wenn die Seele zu sich selbst zurückkehrt, entsagt sie der entarteten Nachkommenschaft. Das Fleisch aber beklagt, dass es durch seine Begierden (die es sich selbst zugezogen hat) wie durch die Dornen der Welt festgehalten wird. Die Lust aber ist gleichsam eine Schwiegertochter des Leibes und der Seele und ist mit den Regungen schmutziger Begierde vermählt. Solange also im einen Haus die Laster mit einem Einverständnis zusammenwirkten, schien es keine Teilung zu geben; als aber Christus Feuer auf die Erde sandte, das die Vergehen des Herzens ausbrennen sollte, oder das Schwert, das die Geheimnisse des Herzens durchbohren sollte, da warfen Fleisch und Seele, erneuert durch die Geheimnisse der Wiedergeburt, das Band der Verbindung mit ihrer Nachkommenschaft ab. So dass Eltern gegen ihre Kinder geteilt sind, während der Unmäßige seine unmäßigen Begierden ablegt und die Seele keine Gemeinschaft mehr mit dem Verbrechen hat. Kinder sind auch gegen Eltern geteilt, wenn Menschen, wiedergeboren, ihren alten Lastern entsagen, und die jüngere Lust vor der Herrschaft der Frömmigkeit flieht, wie vor der Zucht eines strengen Hauses.