
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Lukasevangelium 11
5 Dann sagte er zu ihnen: Wer von euch hat wohl einen Freund und geht mitten in der Nacht zu ihm und sagt: Freund, leihe mir drei Brote; 6 denn einer meiner Freunde ist auf der Reise zu mir gekommen und ich habe ihm nichts vorzusetzen -- 7 würde jener von drinnen antworten: Belästige mich nicht! Die Tür ist bereits geschlossen und meine Kinder und ich sind zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir (etwas) geben? 8 Ich sage euch: Wenn er auch nicht deswegen aufsteht und ihm gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.
(de Quæst. Ev. lib. ii. qu. 21.) Oder aber: Der Freund, zu dem um Mitternacht der Besuch gemacht wird, um die drei Brote zu leihen, ist offensichtlich als Allegorie gemeint, so wie eine Person, die mitten in Bedrängnis steht, Gott bitten könnte, dass er ihr zu verstehen gebe die Dreifaltigkeit, durch die sie die Bedrängnisse dieses gegenwärtigen Lebens trösten kann. Denn seine Not ist die Mitternacht, in der er gezwungen ist, so dringend in seiner Bitte um die drei zu sein. Durch die drei Brote nun wird bezeichnet, dass die Dreifaltigkeit eines Wesens ist. Der Freund aber, der von seiner Reise kommt, wird als das Verlangen des Menschen verstanden, das der Vernunft gehorchen sollte, aber dem Brauch der Welt gehorchte, den er den Weg nennt, weil alles auf ihm dahinzieht. Wenn nun der Mensch zu Gott bekehrt wird, wird auch jenes Verlangen vom Brauch zurückgerufen. Wenn er aber nicht durch jene innere Freude getröstet wird, die aus der geistlichen Lehre entspringt, die die Dreifaltigkeit des Schöpfers verkündet, ist der in großer Bedrängnis, der von irdischen Sorgen niedergedrückt wird, da er doch angewiesen ist, sich aller äußeren Freuden zu enthalten, und innen keine Erquickung aus der Freude der geistlichen Lehre hat. Und doch wird durch das Gebet bewirkt, dass der, der es verlangt, Verständnis von Gott empfängt, auch wenn niemand da ist, durch den die Weisheit gepredigt würde. Denn es folgt: Und wenn jener fortfährt, usw. Das Argument wird vom Geringeren auf das Größere geschlossen. Denn wenn ein Freund von seinem Bett aufsteht und nicht aus der Kraft der Freundschaft gibt, sondern aus Überdruss, wie viel mehr gibt Gott, der ohne Überdruss am reichlichsten gibt, was immer wir erbitten?