
Cyrill von Alexandrien
Catena Aurea · Lukasevangelium 10
29 Er aber wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? 30 Jesus erwiderte: Ein Mann ging von Jerusalem hinunter nach Jericho und fiel unter die Räuber. Sie plünderten ihn aus, schlugen ihn, machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Zufällig ging ein Priester denselben Weg hinunter. Er sah ihn und ging vorüber. 32 Ebenso kam ein Levit an der Stelle vorbei, sah ihn und ging vorüber. 33 Ein Samariter aber, der des Weges zog, kam in seine Nähe, sah ihn und wurde von Mitleid bewegt. 34 Er ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Lasttier, brachte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn. 35 Am nächsten Morgen zog er zwei Denare heraus, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn und was du noch darüber aufwendest, werde ich dir erstatten, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien hat sich deiner Meinung nach als der Nächste dessen erwiesen, der unter die Räuber gefallen war? 37 Er antwortete: Der, der Barmherzigkeit an ihm geübt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Geh und handle genauso.
Der Gesetzeslehrer, als er von unserem Erlöser gelobt wurde, weil er recht geantwortet hatte, bricht in Hochmut aus und denkt, er habe keinen Nächsten, als ob niemand ihm an Gerechtigkeit gleichkäme. Daher heißt es: Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Denn irgendwie nimmt ihn erst eine Sünde, dann eine andere gefangen. Von der List, mit der er Christus versuchen wollte, fällt er in Hochmut. Aber hier, indem er fragt: Wer ist mein Nächster?, erweist er sich als der Liebe zum Nächsten beraubt, da er niemanden als seinen Nächsten betrachtete, und folglich auch der Liebe zu Gott; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht. (1 Joh. 4,20)