
Basilius der Große
Catena Aurea · Lukasevangelium 10
25 Ein Gesetzeslehrer trat auf, um ihn auf die Probe zu stellen, und sagte: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? 26 Er aber sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du dort? 27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken und deinen Nächsten wie dich selbst. 28 Da sagte er zu ihm: Du hast richtig geantwortet: Handle danach und du wirst leben.
(Reg. fus. ad int. 2.) Wenn aber jemand fragt, wie die Liebe Gottes zu erlangen ist, so sind wir sicher, dass die Liebe Gottes nicht gelehrt werden kann. Denn wir haben weder gelernt, uns über die Gegenwart des Lichts zu freuen, noch das Leben zu umarmen, noch unsere Eltern und Kinder zu lieben; viel weniger wurden wir in der Liebe Gottes unterrichtet, sondern ein gewisser keimhafter Grund wurde uns eingepflanzt, der in sich die Ursache hat, dass der Mensch an Gott hängt; diesen Grund pflegt die Lehre der göttlichen Gebote sorgfältig zu kultivieren, wachsam zu fördern und zur Vollkommenheit der göttlichen Gnade zu führen. Denn von Natur lieben wir das Gute; wir lieben auch, was unser eigen und uns verwandt ist; ebenso gießen wir von selbst all unsere Zuneigungen auf unsere Wohltäter aus. Wenn also Gott gut ist, aber alle Dinge dieses Gute begehren, das freiwillig gewirkt wird, ist Er uns von Natur aus innewohnend, und obwohl wir aus Seiner Güte weit davon entfernt sind, Ihn zu kennen, sind wir doch schon allein dadurch, dass wir von Ihm hervorgegangen sind, verpflichtet, Ihn mit überaus großer Liebe zu lieben, da Er uns wahrhaft verwandt ist; Er ist ebenso auch ein größerer Wohltäter als alle, die wir hier von Natur lieben. (ad int 3.). Und wiederum. Die Liebe Gottes ist also das erste und Hauptgebot, aber das zweite, als das erste erfüllend und von ihm erfüllt, gebietet uns, den Nächsten zu lieben. Daher folgt: Und deinen Nächsten wie dich selbst. Aber wir haben einen von Gott gegebenen Instinkt, dieses Gebot zu erfüllen, denn wer weiß nicht, dass der Mensch ein gütiges und geselliges Lebewesen ist? Denn nichts gehört so sehr zu unserer Natur wie der Verkehr miteinander und das gegenseitige Bedürfen und Lieben unserer Angehörigen. Von den Dingen also, von denen Er uns zuerst den Samen gab, verlangt Er später die Früchte.