
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Lukasevangelium 10
29 Er aber wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? 30 Jesus erwiderte: Ein Mann ging von Jerusalem hinunter nach Jericho und fiel unter die Räuber. Sie plünderten ihn aus, schlugen ihn, machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Zufällig ging ein Priester denselben Weg hinunter. Er sah ihn und ging vorüber. 32 Ebenso kam ein Levit an der Stelle vorbei, sah ihn und ging vorüber. 33 Ein Samariter aber, der des Weges zog, kam in seine Nähe, sah ihn und wurde von Mitleid bewegt. 34 Er ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Lasttier, brachte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn. 35 Am nächsten Morgen zog er zwei Denare heraus, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn und was du noch darüber aufwendest, werde ich dir erstatten, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien hat sich deiner Meinung nach als der Nächste dessen erwiesen, der unter die Räuber gefallen war? 37 Er antwortete: Der, der Barmherzigkeit an ihm geübt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Geh und handle genauso.
(Serm. 171.) Denn was ist so fern, was so weit entfernt wie Gott vom Menschen, der Unsterbliche vom Sterblichen, der Gerechte von den Sündern, nicht an räumlicher Entfernung, sondern an Ähnlichkeit. Da er nun in sich zwei gute Dinge hatte, Gerechtigkeit und Unsterblichkeit, und wir zwei Übel, nämlich Ungerechtigkeit und Sterblichkeit, wenn er beide unsere Übel auf sich genommen hätte, wäre er uns gleich gewesen und hätte mit uns eines Erlösers bedurft. Damit er also nicht sei, was wir sind, sondern uns nahe, wurde er nicht ein Sünder wie du, sondern sterblich wie du. Indem er die Strafe auf sich nahm, nicht die Schuld auf sich nahm, zerstörte er sowohl die Strafe als auch die Schuld.