Origenes
Catena Aurea · Johannesevangelium 8
37 Ich weiß, dass ihr Nachkommen Abrahams seid. Aber ihr wollt mich töten, weil mein Wort in euch keinen Raum findet. 38 Was ich bei meinem Vater gesehen habe, das sage ich, und auch ihr tut, was ihr bei euerem Vater gehört habt. 39 Sie antworteten ihm: Unser Vater ist Abraham. Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr Kinder Abrahams wärt, würdet ihr die Werke Abrahams tun. 40 Jetzt aber wollt ihr mich töten, einen Menschen, der euch die Wahrheit verkündet hat, die ich von Gott gehört habe. Das hat Abraham nicht getan. 41 Ihr tut die Werke eueres Vaters. Sie sagten zu ihm: Wir sind nicht aus einem Ehebruch hervorgegangen, wir haben nur einen Vater: Gott.
(tom. xx. 2. et sq.) Oder wir können die Schwierigkeit so erklären. Oben steht im Griechischen: Ich weiß, daß ihr Abrahams Samen seid. Prüfen wir also, ob es nicht einen Unterschied gibt zwischen einem leiblichen Samen und einem Kind. Es ist offensichtlich, daß ein Same in sich alle Anlagen dessen enthält, dessen Same er ist, jedoch noch schlummernd und darauf wartend, entwickelt zu werden; wenn der Same zuerst das Material, das er in der Frau antrifft, verändert und geformt, von dort Nahrung empfangen und einen Prozeß im Mutterleib durchlaufen hat, wird er ein Kind, das Ebenbild seines Erzeugers. So wird also ein Kind aus dem Samen gebildet; aber der Same ist nicht notwendigerweise ein Kind. Nun, mit Bezug auf diejenigen, die aufgrund ihrer Werke als Abrahams Same beurteilt werden, können wir nicht annehmen, daß sie es aufgrund gewisser samengleicher Anlagen sind, die ihren Seelen eingepflanzt sind? Nicht alle Menschen sind Abrahams Same, denn nicht alle haben diese Anlagen ihren Seelen eingepflanzt. Aber wer Abrahams Same ist, muß noch durch Ähnlichkeit sein Kind werden. Und es ist ihm möglich, durch Nachlässigkeit und Trägheit sogar aufzuhören, Same zu sein. Aber diejenigen, an die diese Worte gerichtet waren, waren noch nicht von der Hoffnung abgeschnitten; und daher erkannte Jesus an, daß sie noch Abrahams Same waren und noch die Kraft hatten, Kinder Abrahams zu werden. So sagt Er: Wenn ihr Abrahams Kinder seid, so tut die Werke Abrahams. Wenn sie als Abrahams Same ihren eigentlichen Charakter und ihr Wachstum erlangt hätten, hätten sie die Worte unseres Herrn aufgenommen. Da sie aber nicht zu Kindern herangewachsen waren, kümmerten sie sich nicht; sondern wollten das Wort töten und es gleichsam in Stücke brechen, da es zu groß für sie war, es aufzunehmen. Wenn also einer von euch Abrahams Same ist und noch nicht das Wort Gottes aufnimmt, so suche er nicht, das Wort zu töten; sondern verwandle sich vielmehr, um ein Sohn Abrahams zu werden, und dann wird er fähig sein, den Sohn Gottes aufzunehmen. Einige wählen eines der Werke Abrahams aus, nämlich das in Genesis: Und Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. (Gen. 15:6) Aber selbst wenn man ihnen zugesteht, daß der Glaube ein Werk ist, warum hieße es dann nicht, wenn dem so wäre: Tue das Werk Abrahams, unter Verwendung des Singulars statt des Plurals? Der Ausdruck, wie er dasteht, ist, wie ich meine, gleichbedeutend mit: Tut alle Werke Abrahams: d. h. im geistlichen Sinne, indem man Abrahams Geschichte allegorisch auslegt. Denn es obliegt keinem, der ein Sohn Abrahams sein will, seine Mägde zu ehelichen oder nach dem Tod seiner Frau in seinem Alter eine andere zu heiraten.