Origenes
Catena Aurea · Johannesevangelium 8
19 Da sagten sie zu ihm: Wo ist dein Vater? Jesus antwortete: Ihr kennt weder mich noch meinen Vater. Würdet ihr mich kennen, würdet ihr auch meinen Vater kennen. 20 Diese Worte sagte er, als er bei der Schatzkammer im Tempel lehrte. Aber niemand legte Hand an ihn, weil seine Stunde noch nicht gekommen war.
(tom. xix. l. in Joan. in princ.) Es ist angebracht zu bemerken, dass die Anhänger anderer Sekten glauben, dieser Text beweise klar, dass der Gott, den die Juden verehrten, nicht der Vater Christi war. Denn wenn, sagen sie, unser Heiland dies zu den Pharisäern sagte, die Gott als den Lenker der Welt verehrten, ist es offensichtlich, dass der Vater Jesu, den die Pharisäer nicht kannten, eine andere Person war als der Schöpfer. Aber sie beachten nicht, dass dies eine übliche Redeweise in der Schrift ist. Obwohl ein Mensch die Existenz Gottes kennen und vom Vater gelernt haben mag, dass Er allein angebetet werden muss, so wird doch, wenn sein Leben nicht gut ist, gesagt, er habe die Erkenntnis Gottes nicht. So wird von den Söhnen Elis wegen ihrer Bosheit gesagt, sie hätten Gott nicht gekannt. Und so kannten auch die Pharisäer den Vater nicht; weil sie nicht nach dem Gebot ihres Schöpfers lebten. Und es gibt noch eine andere Bedeutung, Gott zu kennen, die sich vom bloßen Glauben an Ihn unterscheidet. Es heißt: Seid still und erkennt, dass Ich Gott bin. (Ps. 45:10) Und dies, das ist gewiss, wurde für ein Volk geschrieben, das an den Schöpfer glaubte. Aber durch Glauben erkennen und einfach glauben sind verschiedene Dinge. Zu den Pharisäern, zu denen Er sagt: Ihr kennt weder Mich noch Meinen Vater, hätte Er mit Recht sagen können: Ihr glaubt nicht einmal an Meinen Vater; denn wer den Sohn leugnet, hat den Vater nicht, weder durch Glauben noch durch Erkenntnis. Aber die Schrift gibt uns einen anderen Sinn des Erkennens einer Sache, nämlich mit dieser Sache verbunden zu sein. Adam erkannte seine Frau, als er mit ihr verbunden war. Und wenn der, der mit einer Frau verbunden ist, diese Frau erkennt, so ist der, der mit dem Herrn verbunden ist, ein Geist und erkennt den Herrn. Und in diesem Sinne kannten die Pharisäer weder den Vater noch den Sohn. Aber kann nicht ein Mensch Gott kennen und doch nicht den Vater kennen? Ja; das sind zwei verschiedene Vorstellungen. Und deshalb finden wir unter der unendlichen Zahl von Gebeten, die im Gesetz dargebracht werden, keines, das an Gott den Vater gerichtet ist. Sie beten nur zu Ihm als Gott und Herrn; um nicht der Gnade vorzugreifen, die Jesus über die ganze Welt ausgegossen hat, indem Er alle Menschen zur Sohnschaft beruft, gemäß dem Psalm: Ich will Deinen Namen meinen Brüdern verkünden.