
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Johannesevangelium 8
1 Jesus aber ging auf den Ölberg. 2 In der Frühe erschien er wieder im Tempel und alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte sie. 3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden war, stellten sie in die Mitte 4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt worden. 5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu? 6 Das sagten sie, um ihn auf die Probe zu stellen, damit sie eine Anklage gegen ihn hätten. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie jedoch hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. 8 Dann bückte er sich wieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie das gehört hatten, gingen sie weg, einer nach dem anderen, von den Ältesten angefangen. Er blieb allein zurück mit der Frau, die in der Mitte stand. 10 Da richtete sich Jesus auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie? Hat keiner dich verurteilt? 11 Sie aber antwortete: Keiner, Herr! Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!
(Tract. xxxiii. s. 4) Sie hatten Ihn bereits bemerkt als allzu nachsichtig. Über Ihn war nämlich geweissagt worden: Fahre fort um des Wortes der Wahrheit, der Sanftmut und der Gerechtigkeit willen. (Ps. 44) So zeigte Er als Lehrer die Wahrheit, als Befreier die Sanftmut, als Richter die Gerechtigkeit. Wenn Er sprach, wurde Seine Wahrheit anerkannt; wenn Er gegen Seine Feinde keine Gewalt anwandte, wurde Seine Sanftmut gepriesen. So erhoben sie den Anstoß unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit. Denn sie sagten untereinander: Wenn Er beschließt, sie freizulassen, wird Er nicht Gerechtigkeit üben; denn das Gesetz kann nicht befehlen, was ungerecht ist: Nun hat uns Mose im Gesetz geboten, dass solche gesteinigt werden sollen: aber um Seine Sanftmut zu wahren, die Ihn bereits so beliebt beim Volk gemacht hat, muss Er beschließen, sie freizulassen. Deshalb verlangen sie Seine Meinung: Und was sagst Du? in der Hoffnung, einen Anlass zu finden, Ihn als Übertreter des Gesetzes anzuklagen: Und dies sagten sie, um Ihn zu versuchen, damit sie etwas hätten, um Ihn anzuklagen. Aber unser Herr wahrte in Seiner Antwort sowohl Seine Gerechtigkeit als auch wich nicht von der Sanftmut ab. Jesus bückte sich nieder und schrieb mit Seinem Finger auf die Erde.