
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Johannesevangelium 19
9 Er ging wieder in das Prätorium hinein und sagte zu Jesus: Woher bist du? Jesus aber gab ihm keine Antwort. 10 Da sagte Pilatus zu ihm: Du sprichst nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich freizulassen und Macht, dich zu kreuzigen? 11 Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre. Deshalb hat der größere Schuld, der mich dir ausgeliefert hat. 12 Daraufhin wollte Pilatus ihn freilassen.Die Juden aber schrien: Wenn du ihn freilässt, bist du kein Freund des Kaisers. Jeder, der sich selbst zum König macht, lehnt sich gegen den Kaiser auf.
(Tr. cxvi) So antwortet Er. Als Er schwieg, schwieg Er nicht als Schuldiger oder Hinterlistiger, sondern als ein Schaf; als Er antwortete, lehrte Er als ein Hirte. Hören wir, was Er sagt; nämlich dass, wie Er durch seinen Apostel lehrt, es keine Gewalt gibt außer von Gott; (Röm. 13,1) und dass derjenige, der aus Neid einen Unschuldigen der höheren Gewalt ausliefert, die aus Furcht vor einer größeren Gewalt tötet, dennoch mehr sündigt als jene höhere Gewalt selbst. Gott hatte Pilatus solche Gewalt gegeben, dass er dennoch unter der Gewalt des Kaisers stand; daher sagt unser Herr: Du hättest keine Macht über mich, d. h. keine noch so kleine Macht, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre, was auch immer sie war. Und da diese nicht so groß ist, dass sie dir völlige Handlungsfreiheit gäbe, darum hat der, der mich dir ausgeliefert hat, die größere Sünde. Er hat mich aus Neid deiner Gewalt ausgeliefert, aber du wirst diese Gewalt aus Furcht ausüben. Und obwohl ein Mensch nicht einmal aus Furcht einen anderen töten sollte, besonders einen Unschuldigen, ist es doch viel schlimmer, es aus Neid zu tun. Daher sagt unser Herr nicht: Der mich dir ausgeliefert hat, hat die Sünde, als ob der andere keine hätte, sondern: hat die größere Sünde, was andeutet, dass auch der andere eine hatte.