
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Johannesevangelium 15
22 Wäre ich nicht gekommen und hätte nicht zu ihnen gesprochen, so hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde. 23 Wer mich hasst, hasst auch meinen Vater. 24 Hätte ich nicht die Werke in ihrer Mitte vollbracht, die kein anderer vollbracht hat, so hätten sie keine Sünde. Jetzt aber haben sie sie gesehen und hassen dennoch mich und meinen Vater. 25 Aber das Wort, das in ihrem Gesetz steht, musste erfüllt werden: Sie haben mich ohne Grund gehasst.
(Tract. lxxxix. 1) Christus sprach nur zu den Juden, nicht zu irgendeiner anderen Nation. In ihnen also war jene Welt, die Christus und Seine Jünger hasste; und nicht nur in ihnen, sondern auch in uns. Waren die Juden also ohne Sünde, bevor Christus im Fleische kam, weil Christus nicht zu ihnen gesprochen hatte? Mit Sünde meint Er hier nicht jede Sünde, sondern eine bestimmte große Sünde, die alle einschließt und die allein die Vergebung anderer Sünden verhindert, nämlich den Unglauben. Sie glaubten nicht an Christus, der gekommen war, damit sie an Ihn glauben. Diese Sünde also hätten sie nicht gehabt, wenn Christus nicht gekommen wäre; denn Christi Ankunft war, wie sie das Heil der Glaubenden war, so das Verderben der Ungläubigen. Aber jetzt haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde. Wenn diejenigen, zu denen Christus nicht gekommen war oder gesprochen hatte, keine Entschuldigung (πρόφασιν, excusationem Vulg. cloke E. T.) für ihre Sünde hatten, warum wird hier gesagt, dass diese keine Entschuldigung hatten, weil Christus gekommen war und zu ihnen gesprochen hatte? Wenn die Ersten eine Entschuldigung hatten, hob diese dann ihre Strafe ganz auf oder milderte sie nur? Ich antworte, dass diese Entschuldigung nicht ihre ganze Sünde bedeckte, sondern nur diese eine, nämlich dass sie nicht an Christus glaubten. Aber sie gehören nicht zu denen, zu denen Christus durch Seine Jünger kam: sie sind nicht mit einer leichteren Strafe davonkommen zu lassen, die Christi Liebe gänzlich ablehnten und, soweit es an ihnen lag, deren Zerstörung wünschten. Diese Entschuldigung mögen die haben, die starben, bevor sie vom Evangelium Christi hörten; aber dies wird sie nicht vor der Verdammnis schützen. Denn wer nicht im Erlöser gerettet wird, der gekommen ist, das Verlorene zu suchen, wird ohne Zweifel ins Verderben gehen: obwohl einige leichtere, andere schwerere Strafen haben werden. Der geht für Gott verloren, der mit dem Ausschluss von jener Seligkeit bestraft wird, die den Heiligen gegeben wird. Aber es gibt eine ebenso große Vielfalt von Strafen wie von Sünden: obwohl, wie dies festgesetzt ist, eine Sache, die zwar der göttlichen Weisheit bekannt ist, aber zu tief für menschliche Vermutung, um sie zu untersuchen oder zu beurteilen.