
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Johannesevangelium 15
12 Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. 13 Eine größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben für seine Freunde hingibt. 14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. 15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch habe ich Freunde genannt, weil ich euch alles mitgeteilt habe, was ich von meinem Vater gehört habe. 16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr geht und Frucht bringt und dass euere Frucht bleibt, damit der Vater euch gibt, was immer ihr von ihm in meinem Namen erbittet.
(Tract. lxxxv. 2) Große Herablassung! Obwohl es für einen guten Diener nur Pflicht ist, die Gebote seines Herrn zu halten, nennt Er sie doch, wenn sie es tun, seine Freunde. Der gute Diener ist sowohl Diener als auch Freund. Aber wie ist das? Er sagt uns: Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Werden wir also aufhören, Knechte zu sein, sobald wir gute Knechte sind? Und wird nicht ein guter und bewährter Knecht manchmal mit den Geheimnissen seines Herrn betraut, während er doch Knecht bleibt? (c. 3.) Wir müssen also verstehen, dass es zwei Arten der Knechtschaft gibt, wie es zwei Arten der Furcht gibt. Es gibt eine Furcht, die die vollkommene Liebe austreibt; die auch eine Knechtschaft in sich hat, die zusammen mit der Furcht ausgetrieben wird. Und es gibt eine andere, eine reine (castus) Furcht, die in Ewigkeit bleibt. Es ist der erstere Zustand der Knechtschaft, auf den unser Herr sich bezieht, wenn Er sagt: Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; nicht der Zustand jenes Knechtes, zu dem gesagt wird: Wohl dir, du guter Knecht, geh ein in die Freude deines Herrn: (Mt 25,21) sondern von dem, von dem weiter unten gesagt wurde: Der Knecht bleibt nicht für immer im Haus, aber der Sohn bleibt in Ewigkeit. Da Gott uns also die Macht gegeben hat, Kinder Gottes zu werden, so dass wir auf wunderbare Weise Knechte und doch nicht Knechte sind, wissen wir, dass es der Herr ist, der dies tut. Dies ist jenem Knecht unbekannt, der nicht weiß, was sein Herr tut, und wenn er etwas Gutes tut, sich in seiner eigenen Einbildung erhebt, als ob er selbst es täte und nicht sein Herr; und sich selbst rühmt, nicht seinen Herrn.