
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Johannesevangelium 15
8 Dadurch wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet. 9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! 10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 11 Das habe ich zu euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und euere Freude vollkommen wird.
(Tract. lxxxii. 3. et seq.) Wer zweifelt daran, dass die Liebe der Beobachtung der Gebote vorausgeht? Denn wer nicht liebt, hat nicht das, wodurch er die Gebote halten kann. Diese Worte erklären also nicht, woher die Liebe kommt, sondern wie sie sich zeigt, damit niemand sich einbilden könne, er liebe unseren Herrn, wenn er seine Gebote nicht hält. Obwohl die Worte „Bleibt in meiner Liebe“ nicht von sich aus deutlich machen, welche Liebe er meint, unsere zu ihm oder seine zu uns, so tun es doch die vorausgehenden Worte: Ich liebe euch, sagt er; und dann unmittelbar danach: Bleibt in meiner Liebe. Bleibt in meiner Liebe heißt also: bleibt in meiner Gnade; und: Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, heißt: Euer Halten meiner Gebote wird euch beweisen, dass ihr in meiner Liebe bleibt. Es ist nicht so, dass wir zuerst seine Gebote halten und er dann liebt; sondern dass er uns liebt und wir dann seine Gebote halten. Das ist jene Gnade, die den Demütigen offenbart, den Stolzen aber verborgen ist. Was aber bedeuten die nächsten Worte: Wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe: d. h. in der Liebe des Vaters, mit der er den Sohn liebt. Muss diese Gnade, mit der der Vater den Sohn liebt, so verstanden werden wie die Gnade, mit der der Sohn uns liebt? Nein; denn während wir Söhne nicht von Natur, sondern durch Gnade sind, ist der Eingeborene Sohn nicht durch Gnade, sondern von Natur. Wir müssen dies also auf die Menschheit im Sohn beziehen, wie auch die Worte selbst andeuten: Wie mein Vater mich geliebt hat, so liebe ich euch. Die Gnade eines Mittlers wird hier ausgedrückt; und Christus ist Mittler zwischen Gott und den Menschen, nicht als Gott, sondern als Mensch. Wir können also sagen, dass, da die menschliche Natur nicht zur Natur Gottes gehört, aber durch Gnade zur Person des Sohnes gehört, auch die Gnade zu dieser Person gehört; eine solche Gnade, die nichts Höheres, nichts Gleiches hat. Denn keine Verdienste von Seiten des Menschen gingen der Annahme jener Natur voraus.