
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Johannesevangelium 10
14 Ich bin der gute Hirt und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, 15 wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; ich gebe mein Leben hin für die Schafe. 16 Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind. Auch sie muss ich führen, sie werden auf meine Stimme hören und es wird eine Herde geben und einen Hirten. 17 Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. 18 Niemand nimmt es mir, sondern ich gebe es freiwillig hin. Ich habe Vollmacht, es hinzugeben, und ich habe Vollmacht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen. 19 Wegen dieser Rede entstand erneut Zwiespalt unter den Juden. 20 Viele von ihnen sagten: Er ist von einem Dämon besessen und ist wahnsinnig. Was hört ihr ihn an? 21 Andere sagten: Das sind nicht Worte eines Besessenen. Kann etwa ein Dämon Blinden die Augen öffnen?
(Tr. xlvii) Wie legt unser Herr sein eigenes Leben nieder? Christus ist das Wort und der Mensch, d. h. in Seele und Leib. Legt das Wort sein Leben nieder und nimmt es wieder; oder legt die menschliche Seele es nieder, oder das Fleisch? Wenn es das Wort Gottes war, das seine Seele niederlegte und wieder nahm, dann war jene Seele zu einer Zeit vom Wort getrennt. Aber obwohl der Tod die Seele und den Leib trennte, konnte der Tod doch nicht das Wort und die Seele trennen. Es ist noch absurder zu sagen, die Seele habe sich selbst niedergelegt; wenn sie nicht vom Wort getrennt werden konnte, wie könnte sie von sich selbst getrennt werden? Das Fleisch also legt sein Leben nieder und nimmt es wieder, nicht durch eigene Macht, sondern durch die Macht des Wortes, das in ihm wohnt. Dies widerlegt die Apollinarier, die sagen, Christus habe keine menschliche, vernünftige Seele gehabt.