Wie kann ein Christ treu bleiben, wenn er Gott nicht mehr fühlt? Bedeutet das, dass etwas mit meinem Glauben nicht stimmt, wenn ich innerlich kalt bin und keine Regungen des Heiligen Geistes erlebe?

Ein Christ lebt nicht aus Gefühlen, sondern aus Glauben und Liebe. Die Heilige Schrift und Thomas von Aquin zeigen klar, dass der Glaube nicht von der wechselhaften Empfindung abhängt, sondern von der Zustimmung des Verstandes zur Wahrheit Gottes und vom festen Willen, Ihn zu lieben.

1. Der Glaube ist eine Entscheidung des Verstandes.

Der Glaube ist ein übernatürlicher Habitus im Verstand:

„Der Glaube ist ein Akt des Verstandes, der von dem Willen bewegt wird, welcher von Gott durch Gnade bewegt wird.“

(Summa Theologiae II–II, q.2, a.9)

Das heißt: Glaube ist ein Ja zur Wahrheit Gottes, nicht ein Gefühl in unserem Herzen. Selbst wenn ich nichts spüre, kann ich glauben.

2. Die Liebe zu Gott besteht nicht notwendig im Gefühl.

Thomas sagt ausdrücklich:

„Die Liebe zu Gott besteht wesentlich im Willen, nicht im Gefühl des Herzens.“

(Summa Theologiae II–II, q.24, a.3 ad 2)

Das bedeutet: Ich liebe Gott dann, wenn ich mit meinem Willen an Ihm festhalte und Ihm gefallen will, nicht nur dann, wenn mein Herz innerlich bewegt ist.

3. Gott ist in allen Dingen gegenwärtig.

Thomas erklärt:

„Gott ist in allen Dingen, nicht nur als Ursache, die ihnen das Sein gibt, sondern als die Gegenwart, die in allem wirkt.“

(Summa Theologiae I, q.8, a.1)

Selbst wenn ich mich „eiskalt“ fühle, Gott bleibt ontologisch gegenwärtig. Er trägt mich im Sein, in jedem Augenblick. Seine Gegenwart hängt nicht von meinem Erleben ab.

4. Die Gnade wirkt unabhängig von Gefühlen.

Unsere Empfindungen sind wechselhaft, aber die Gnade ist übernatürlich.

Thomas sagt sinngemäß:

„Die Liebe zu Gott besteht wesentlich im Willen, nicht im Gefühl des Herzens.“

(Summa Theologiae II–II, q.24, a.3 ad 2)

5. Gott kann Trost entziehen, um uns zu läutern.

Thomas erklärt, dass Gott geistliche Gnaden manchmal fühlbar schenkt, um Anfänger zu stärken. Später aber entzieht Er diese Tröstungen, damit wir zu einer höheren Liebe und einem reinen Glauben wachsen.

„Gott gibt geistliche Gnaden manchmal sichtbar und fühlbar, um Anfänger zu stärken. Später entzieht Er die fühlbaren Tröstungen, damit wir auf eine höhere Weise glauben und lieben.“

(vgl. Summa Theologiae I–II, q.109–114 über Gnade und Verdienst)

6. Die Empfindung ist nicht das Maß.

Thomas macht klar: Was zählt, ist der übernatürliche Glaube und die Liebe im Willen, nicht, ob ich etwas spüre. Ein Christ lebt aus dem festen Willen, Gott zu lieben und Ihm zu glauben, selbst wenn das Herz trocken bleibt.

Bibelstellen:
Johannes 20:29, 2. Korinther 5:7, Hebräer 11:1, Johannes 14:15, Lukas 9:23, Matthäus 7:24