Nach der katholischen Lehre und der Philosophie des Thomas von Aquin lautet die Antwort uneingeschränkt: Ja, der Mensch bleibt vollkommen frei. Um diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen, muss man verstehen, dass Gott nicht wie wir in der Zeit existiert, sondern in der Ewigkeit lebt. Für Gott gibt es kein „Morgen“ oder „Gestern“, sondern nur ein einziges, ewiges „Jetzt“. Wenn wir sagen, Gott wisse „vorher“, was geschehen wird, übertragen wir fälschlicherweise unsere zeitliche Begrenztheit auf Ihn; in Wirklichkeit sieht Er unsere zukünftigen Handlungen in Seiner Ewigkeit als gegenwärtig, genau in dem Moment, in dem wir sie vollziehen.
Sein Wissen ist dabei nicht die Ursache unseres Handelns, sondern vielmehr dessen Spiegelbild der Wahrheit. So wie ein Zuschauer, der von einem hohen Turm auf eine Straße blickt, sieht, welchen Weg ein Wanderer unten einschlägt, ohne ihn durch dieses bloße Sehen dazu zu zwingen, so erkennt Gott unsere freien Entscheidungen, ohne sie festzulegen. Gott wirkt als Schöpfer in uns so mächtig, dass er unsere Freiheit nicht nur zulässt, sondern sie überhaupt erst ermöglicht und im Dasein hält. Seine Vorhersehung ist also kein starres Drehbuch, das wir mechanisch abspielen müssen, sondern ein allumfassender Blick, der unsere freien Entscheidungen ewig umschließt, respektiert und als Teil seines Planes annimmt.