Einwand 1: Es scheint unerlaubt, Menschen zu töten, die gesündigt haben. Denn unser Herr verbot im Gleichnis (Mt 13) das Ausreißen des Unkrauts, welches gemäß einer Glosse die bösen Menschen bezeichnet. Nun ist alles, was von Gott verboten ist, eine Sünde. Daher ist es eine Sünde, einen Sünder zu töten.
Einwand 2: Ferner ist die menschliche Gerechtigkeit der göttlichen Gerechtigkeit nachgebildet. Nun werden gemäß der göttlichen Gerechtigkeit Sünder zur Buße zurückgehalten, gemäß Ez 33,11: „Ich begehre nicht den Tod des Gottlosen, sondern dass der Gottlose von seinem Weg umkehre und lebe.“ Daher scheint es gänzlich ungerecht, Sünder zu töten.
Einwand 3: Ferner ist es für keinen noch so guten Zweck erlaubt, das zu tun, was in sich böse ist, gemäß Augustinus (Contra Mendac. vii) und dem Philosophen (Ethic. ii, 6). Nun ist es in sich böse, einen Menschen zu töten, da wir verpflichtet sind, Nächstenliebe zu allen Menschen zu haben, und „wir wünschen, dass unsere Freunde leben und existieren“, gemäß Ethic. ix, 4. Daher ist es in keiner Weise erlaubt, einen Menschen zu töten, der gesündigt hat.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ex 22,18): „Zauberer sollst du nicht leben lassen“; und (Ps 100,8): „Am Morgen tötete ich alle Gottlosen des Landes.“
Ich antworte darauf: Wie oben gesagt (Artikel 1), ist es erlaubt, vernunftlose Tiere zu töten, insofern sie von Natur aus auf den Gebrauch des Menschen hingeordnet sind, wie das Unvollkommene auf das Vollkommene hingeordnet ist. Nun ist jeder Teil auf das Ganze hingeordnet, wie das Unvollkommene auf das Vollkommene; weshalb jeder Teil von Natur aus um des Ganzen willen da ist. Aus diesem Grund beobachten wir, dass, wenn die Gesundheit des ganzen Körpers das Abschneiden eines Gliedes erfordert, weil es verfault ist oder die anderen Glieder ansteckt, es sowohl lobenswert als auch vorteilhaft ist, es wegzuschneiden. Nun verhält sich jeder einzelne Mensch zur ganzen Gemeinschaft wie ein Teil zum Ganzen. Wenn also ein Mensch aufgrund irgendeiner Sünde gefährlich und ansteckend für die Gemeinschaft ist, so ist es lobenswert und heilsam, ihn zu töten, um das Gemeinwohl zu wahren, denn „ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig“ (1 Kor 5,6).
Antwort auf Einwand 1: Unser Herr befahl ihnen, das Unkraut nicht auszureißen, um den Weizen, d.h. die Guten, zu schonen. Dies geschieht, wenn die Bösen nicht getötet werden können, ohne dass die Guten mit ihnen getötet werden, entweder weil die Bösen unter den Guten verborgen sind oder weil sie viele Anhänger haben, so dass sie nicht ohne Gefahr für die Guten getötet werden können, wie Augustinus sagt (Contra Parmen. iii, 2). Deshalb lehrt unser Herr, dass wir die Bösen eher leben lassen sollten und dass die Rache bis zum Jüngsten Gericht aufgeschoben werden soll, anstatt dass die Guten zusammen mit den Bösen getötet werden. Wenn jedoch für die Guten keine Gefahr besteht, sondern sie vielmehr durch die Tötung der Bösen geschützt und gerettet werden, dann dürfen letztere rechtmäßig getötet werden.
Antwort auf Einwand 2: Nach der Ordnung seiner Weisheit tötet Gott Sünder manchmal sofort, um die Guten zu befreien, während er ihnen manchmal Zeit lässt, um zu bereuen, je nachdem, wie er weiß, was für seine Auserwählten dienlich ist. Dies ahmt auch die menschliche Gerechtigkeit nach ihren Kräften nach; denn sie tötet diejenigen, die für andere gefährlich sind, während sie denjenigen Zeit zur Buße lässt, die sündigen, ohne anderen schwer zu schaden.
Antwort auf Einwand 3: Durch die Sünde weicht der Mensch von der Ordnung der Vernunft ab und fällt folglich von der Würde seines Menschseins ab, insofern er von Natur aus frei ist und für sich selbst existiert; und er fällt in den knechtischen Zustand der Tiere, indem über ihn verfügt wird, wie es für andere nützlich ist. Dies wird in Ps 48,21 ausgedrückt: „Der Mensch, da er in Ehren war, hat es nicht verstanden; er ist den unverständigen Tieren gleichgestellt und ihnen ähnlich geworden“, und Spr 11,29: „Der Tor muss dem Weisen dienen.“ Daher, obwohl es in sich böse ist, einen Menschen zu töten, solange er seine Würde bewahrt, kann es doch gut sein, einen Menschen zu töten, der gesündigt hat, so wie es gut ist, ein Tier zu töten. Denn ein schlechter Mensch ist schlimmer als ein Tier und schädlicher, wie der Philosoph feststellt (Polit. i, 1 und Ethic. vii, 6).