Einwand 1: Es scheint, dass nicht alle verpflichtet sind, die Taufe zu empfangen. Denn Christus hat den Weg des Menschen zum Heil nicht verengt. Aber vor der Ankunft Christi konnten Menschen ohne Taufe gerettet werden: also auch nach der Ankunft Christi.
Einwand 2: Ferner scheint die Taufe hauptsächlich als Heilmittel gegen die Erbsünde eingesetzt worden zu sein. Da nun ein Mensch, der getauft ist, ohne Erbsünde ist, scheint es, dass er sie nicht auf seine Kinder übertragen kann. Daher scheint es, dass die Kinder derer, die getauft wurden, selbst nicht getauft werden müssten.
Einwand 3: Ferner wird die Taufe gespendet, damit ein Mensch durch die Gnade von der Sünde gereinigt werde. Aber jene, die im Mutterleib geheiligt werden, erlangen dies ohne Taufe. Daher sind sie nicht verpflichtet, die Taufe zu empfangen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Joh 3,5): „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist wiedergeboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Auch heißt es in De Eccl. Dogm. xli: „Wir glauben, dass der Weg des Heils nur für die Getauften offensteht.“
Ich antworte darauf, dass die Menschen zu dem verpflichtet sind, ohne das sie das Heil nicht erlangen können. Nun ist es offenkundig, dass niemand das Heil erlangen kann außer durch Christus; weshalb der Apostel sagt (Röm 5,18): „Wie es durch die Übertretung des einen für alle Menschen zur Verdammnis kam, so kommt es auch durch die Gerechtigkeit des einen für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens.“ Zu diesem Zweck aber wird dem Menschen die Taufe gespendet, dass er, durch sie wiedergeboren, in Christus eingegliedert werde, indem er sein Glied wird: weshalb geschrieben steht (Gal 3,27): „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ Folglich ist es offenkundig, dass alle verpflichtet sind, getauft zu werden, und dass es ohne die Taufe kein Heil für die Menschen gibt.
Antwort auf Einwand 1: Zu keiner Zeit, nicht einmal vor der Ankunft Christi, konnten Menschen gerettet werden, wenn sie nicht Glieder Christi wurden: denn wie geschrieben steht (Apg 4,12), „ist uns kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.“ Aber vor Christi Ankunft wurden die Menschen durch den Glauben an seine zukünftige Ankunft in Christus eingegliedert: von welchem Glauben die Beschneidung das „Siegel“ war, wie der Apostel es nennt (Röm 4,11): wohingegen vor der Einsetzung der Beschneidung die Menschen „allein durch den Glauben“ in Christus eingegliedert wurden, wie Gregor sagt (Moral. iv), zusammen mit der Darbringung von Opfern, durch welche die Väter der Vorzeit ihren Glauben bekannten. Seit der Ankunft Christi aber werden die Menschen durch den Glauben in Christus eingegliedert; gemäß Eph 3,17: „Dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.“ Aber der Glaube an eine bereits gegenwärtige Sache wird durch ein anderes Zeichen offenbart als jenes, durch das er offenbart wurde, als diese Sache noch in der Zukunft lag: so wie wir andere Zeitformen des Verbs verwenden, um die Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft zu bezeichnen. Folglich war, obwohl das Sakrament der Taufe selbst nicht immer heilsnotwendig war, doch der Glaube, dessen Sakrament die Taufe ist, immer notwendig.
Antwort auf Einwand 2: Wie wir in der FS, Frage [81], Artikel [3], ad 2 dargelegt haben, werden jene, die getauft sind, durch die Taufe im Geiste erneuert, während ihr Körper der Alterung der Sünde unterworfen bleibt, gemäß Röm 8,10: „Der Leib zwar ist tot um der Sünde willen, der Geist aber lebt um der Gerechtigkeit willen.“ Weshalb Augustinus (Contra Julian. vi) beweist, dass „nicht alles, was im Menschen ist, getauft wird.“ Nun ist es offenkundig, dass der Mensch in der fleischlichen Zeugung nicht hinsichtlich seiner Seele zeugt, sondern hinsichtlich seines Körpers. Folglich werden die Kinder derer, die getauft sind, mit der Erbsünde geboren; weshalb sie der Taufe bedürfen.
Antwort auf Einwand 3: Jene, die im Mutterleib geheiligt werden, empfangen zwar die Gnade, die sie von der Erbsünde reinigt, aber sie empfangen dadurch nicht das Merkmal (Character), durch das sie Christus gleichgestaltet werden. Folglich, wenn jemand jetzt im Mutterleib geheiligt würde, müsste er getauft werden, um durch den Empfang des Merkmals den anderen Gliedern Christi gleichgestaltet zu werden.
Quelle: Summa Theologiae, dritter Teil, Frage 68, Artikel 1