Dieses Argument wiederholt denselben Kategorienfehler wie die vorherigen: Es verwechselt die göttliche Natur mit der angenommenen menschlichen Natur. Die Beschneidung Jesu betrifft ausschließlich seine wahre Menschheit. Gott als Gott bedarf keiner Beschneidung – aber Gott ist in Jesus wirklich Mensch geworden (Joh 1,14) und hat sich freiwillig dem Gesetz unterstellt, das er selbst Israel gegeben hatte.
Paulus formuliert es eindeutig: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4,4). Die Beschneidung ist also kein Zeichen göttlicher Unvollkommenheit, sondern Ausdruck des Gehorsams des Sohnes in seiner Menschwerdung. Jesus erfüllt das Gesetz nicht von außen, sondern von innen. Darum sagt er später: „Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen“ (Mt 5,17).
Gerade hier zeigt sich die Tiefe der Inkarnation: Der ewige Sohn tritt nicht scheinbar in die Geschichte ein, sondern real. Er wird Glied des Bundesvolkes Israel, nimmt das Zeichen des Alten Bundes an und bereitet dadurch den Neuen Bund vor. Dass Gott sich beschneiden lässt, ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck göttlicher Demut.
Die frühe Kirche verstand dies klar. Irenäus von Lyon betont, dass Christus „alles annahm, was der Mensch ist, um alles zu erlösen“ (Adversus haereses III,18,7). Die Beschneidung gehört zu diesem „Alles“.