Obgleich aber Gott manche Sünder nicht zu sich bekehrt, sondern sie in anbetracht ihrer Schuld in den Sünden zurückläßt, so führt er sie doch nicht in die Sünde hinein.
Denn die Menschen sündigen dadurch, daß sie sich von dem entfernen, der das letzte Ziel ist. Da aber eine jede Wirkursache zu dem ihr eigenen und angemessenen Ziel tätig ist, ist es unmöglich, daß Menschen mit Gott als Ursache vom letzten Ziel abgekehrt werden, denn Gott ist das letzte Ziel. Es ist also unmöglich, daß Gott Menschen zu sündigen veranlaßt.
Ebenso. Das Gute kann nicht Ursache des Schlechten sein. Die Sünde aber ist das Schlechte des Menschen (d. h. das Böse): denn sie steht im Gegensatz zum ureigenen Guten des Menschen, nämlich der Vernunft entsprechend zu leben. Es ist also unmöglich, daß Gott für irgendeinen Menschen Ursache der Sünde ist. Außerdem. Alle Weisheit und Gutheit des Menschen leitet sich von der göttlichen Weisheit und Gutheit ab, gleichsam als eine Art Abbild davon. Es widerstreitet aber (schon) der menschlichen Weisheit und Gutheit, jemanden zur Sünde zu veranlassen. Also gilt dies noch viel mehr für die göttliche Weisheit und Gutheit. Zudem. Jeder Fehler geht aus einem Mangel der nächsten Ursache hervor, nicht aber aus dem Einwirken der ersten Ursache: so geht der Fehler des Hinkens aus einer (mangelhaften) Anlage des Schienbeins hervor, nicht aber aus der bewegenden Kraft (der Steuerung des Gehens); dagegen kommt aus dieser alles, was im Hinken noch an Vollkommenheit der Bewegung erscheint. Die nächste Ursache menschlichen Fehlens (der Sünde) ist aber der Wille. Also stammt der Mangel der Sünde aus dem Willen des Menschen, nicht aber von Gott, der ersten Ursache: von diesem jedoch kommt alles, was in der Sündenhandlung noch zur Vollkommenheit der Tätigkeit gehört. Daher heißt es Eccli 15, 12: „Sage nicht: Er hat mich zu Fall gebracht. Denn er bedarf der schlechten Menschen nicht.“ Und weiter unten (Vers 20) steht: „Niemandem hat er befohlen zu freveln und keinem Erlaubnis gegeben, zu sündigen.“ Und Jak 1, 13 steht: „Keiner sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht: denn Gott ist das Gegenteil des Versuchers zum Bösen.“
Trotzdem finden sich in der Heiligen Schrift gewisse Stellen, aus denen hervorzugehen scheint, daß Gott für manche Menschen Ursache der Sünde sei. Es heißt nämlich Ex 10, 1: „Ich habe das Herz des Pharao und seiner Diener verhärtet“; und Jes 6, 10 steht: „Verblende das Herz dieses Volks und mache seine Ohren taub, damit es mit seinen Augen nicht sehe, sich nicht bekehre und nicht bei mir Heilung finde“; und Jes 63, 17: „Du hast uns von deinen Wegen abirren lassen: unser Herz hast du verhärtet, daß wir dich nicht fürchten.“ Und Röm 1, 28 wird gesagt: „Gott überließ sie einer verworfenen Gesinnung, so daß sie taten, was sich nicht geziemt.“ Dies alles ist in dem Sinne zu verstehen, daß Gott manchen Menschen keine Hilfe gewährt, die Sünde zu vermeiden, was er manchem andern gewährt.
Diese Hilfe aber besteht nicht allein im Einfluß der Gnade, sondern auch in einem äußeren Schutz, durch den dem Menschen aus göttlicher Vorsehung Gelegenheiten zum Sündigen genommen und Verlockungen zur Sünde unterdrückt werden. Gott hilft dem Menschen gegen die Sünde auch durch das natürliche Licht der Vernunft und durch anderes natürliches Gutes, das er dem Menschen gewährt. Wenn er also manchen Menschen diese Hilfe entzieht, sofern es in anbetracht der Schuld ihrer Tätigkeit seine Gerechtigkeit erfordert, dann heißt es, er ‚verhärte‘ oder ‚verblende‘ sie oder etwas in der Art des oben Gesagten.
Quelle: Summa Contra Gentiles, Buch 3 Kapitel 162