Einige Toren haben sich herausgenommen, die Wahrheit dieser Lehre nach ihrer eigenen Vorstellung zu bemessen, indem sie sich hierüber verschiedene nichtige Ansichten bildeten.
Einige von ihnen bemerkten, es sei Gewohnheit der Schrift, jene als „Söhne Gottes“ zu bezeichnen, welche durch die göttliche Gnade gerechtfertigt werden. So etwa heißt es Joh 1, 12: „Er gab ihnen die Macht, Söhne Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“, und Rö 8, 16: „Der Geist selbst gibt unserem Geiste Zeugnis, daß wir Söhne Gottes sind“; wiederum heißt es 1 Joh 3, 1: „Seht, welche Liebe uns der Vater entgegenbrachte, daß wir uns Söhne Gottes nennen können und es auch sind“.
Auch verschweigt die Schrift nicht, wer von Gott gezeugt ist. Jak 1, 18 sagt nämlich: „Aus freiem Willen hat er uns geboren durch das Wort der Wahrheit“. Ebenso heißt es 1 Jo 3, 9: „Jeder, der aus Gott gezeugt ist, tut keine Sünde, weil sein Same in ihm bleibt“.
Noch erstaunlicher ist es, daß ihnen der Name „Gott“ zugeschrieben wird. Gott nämlich sprach zu Moses: „Siehe, ich mache Dich dem Pharao gegenüber zum Gott“ (Exod 7, 1). Ferner Ps 82, 6: „Wohl sprach ich ,Götter seid Ihr geheißen, und Söhne des Höchsten Ihr alle‘“. Wiederum spricht der Herr in Joh 10, 35: „Es nannte die, an welche das Wort Gottes ergangen ist, Götter“.
Dergestalt nahmen sie an, Jesus Christus sei lediglich ein Mensch und habe von der Jungfrau Maria seinen Anfang genommen. Durch die Verdienste eines heiligmäßigen Lebens habe er vor allen anderen die Würde der Gottheit erlangt. Sie waren der Meinung, er sei Gottes Sohn durch den Geist der Annahme, ähnlich wie bei anderen Menschen; er sei durch die Gnade von ihm gezeugt. Die Schriften nennen ihn ‚Gott‘ aufgrund einer gewissen Gottähnlichkeit, nicht aufgrund seiner Natur, sondern aufgrund einer gewissen Teilhabe an der göttlichen Güte. So heißt es auch 2 Petr 1, 4 von den Heiligen: „Auf daß Ihr an der göttlichen Natur Anteil erlanget, nachdem ihr dem Verderben entronnen seid, das in der Welt ist, in der Begierde“.
Um diesen Standpunkt zu bekräftigen, stützten sie sich auf die Autorität der Heiligen Schrift. So spricht der Herr in Mt 28, 18: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden“. Wäre er vor der Zeit Gott gewesen, so hätte er die Macht nicht in der Zeit angenommen.
Gleicherweise. Es heißt Rö 1, 3 f. vom Sohn, daß „er zu ihm (d. h. zu Gott) dem Fleische nach gemacht wurde aus dem Samen Davids“ und daß „der Sohn Gottes vorherbestimmt ist in Macht“. Was aber vorherbestimmt und hervorgebracht ist, das scheint nicht ewig zu sein.
Ferner. Der Apostel sagt in Philipp 2, 8 f.: „Er wurde gehorsam bis zum Tode, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist“. Hieraus scheint man erweisen zu können, daß er wegen des Verdienstes des Gehorsams und Leidens mit göttlicher Würde beschenkt und über alles erhoben wurde.
Auch sagt Petrus in Apg 2, 36: „Mit Gewißheit also erkenne das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, eben diesen Jesus, den Ihr gekreuzigt habt“. Anscheinend also wurde er Gott in der Zeit, nicht aber, so hat es den Anschein, ist er vor aller Zeit geboren.
Außerdem führen sie zur Stützung ihrer Ansicht jene Stellen der Schriften an, welche scheinbar nahelegen, es gebe einen Defekt in Christus, so etwa den, daß er von einer weiblichen Gebärmutter ausgetragen wurde, daß er alterte, daß es ihn hungerte, daß er ermüdete und dem Tode unterworfen war, daß er stets Fortschritte machte oder bekannte, den Tag des Gerichtes nicht zu kennen, von Todesfurcht erschüttert wurde und dergleichen mehr. Dies muß mit jemandem, welcher Gott ist, wesensmäßig unverträglich sein. Deswegen schließen sie, er habe gnadenhaft aufgrund von Verdienst göttliche Würde erlangt, nicht aber weil er göttlicher Natur sei.
Einige frühe Häretiker, Cerinth und Ebion, erfanden diese These zuerst. Später erneuerte sie Paulus von Samosate. Photinus übernahm sie danach. Deswegen werden die Vertreter dieser Lehre „Photinianer“ genannt.
Jenen aber, welche die Worte der Heiligen Schrift sorgfältig prüfen, ist es offenkundig, daß dieser Sinn, den diese Menschen eigensinnig erfanden, nicht in ihr enthalten ist. So zeigt Salomon mit aller Deutlichkeit, daß diese Zeugung vor aller körperlichen Zeugung stattfand, wenn er (Spr 8, 24) sagt: „Ich ward hervorgebracht, als die Urfluten noch nicht waren“. Also folgt, daß der von Gott gezeugte Sohn nicht den Anfang seiner Existenz von Maria nahm.
Dies gilt, obwohl sie es unternahmen, diese und ähnlich lautende Zeugnisse durch eine verkehrte Deutung zu entstellen, indem sie behaupteten, sie müßten im Hinblick auf die Prädestination verstanden werden. Es sei nämlich vor der Erschaffung der Welt bestimmt gewesen, daß der Sohn Gottes aus der Jungfrau Maria geboren werden sollte, nicht aber, daß er sein Sohn vor der Erschaffung der Welt gewesen sei. Aus dem Folgenden wird jedoch ersichtlich, daß er nicht nur im Modus der Prädestination, sondern auch in Wirklichkeit vor Maria war. So wird den oben erwähnten Worten Salomons (Spr 8, 29 f.) hinzugefügt: „Als er die Festen der Erde umriß, da war ich mit ihm, alles zusammenfügend“. Hätte er lediglich als prädestiniert existiert, so hätte er nicht zu handeln vermocht.
Dasselbe wird auch aus den Worten des Evangelisten Johannes ersichtlich. Als er nämlich vorwegschickte: „Im Anfang war das Wort“ – worunter der Sohn Gottes zu verstehen ist, wie gezeigt wurde (IV 3) –, fügte er (Joh 1, 3) hinzu: „Alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts geworden“, damit man das Gesagte nicht im Sinne von Prädestination verstehe. Was gesagt wurde, wäre in der Tat unmöglich, hätte er nicht vor der Erschaffung der Welt existiert.
Überdies. Der Sohn Gottes sagt Joh 3, 13: „Und doch ist niemand in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist, der Menschensohn, der im Himmel ist“. Und wiederum heißt es Joh 6, 38: „Denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“. Also gab es ihn offensichtlich, bevor er vom Himmel herabstieg.
Darüber hinaus. Es müßte entsprechend der zuvor genannten These gelten, daß ein Mensch durch den Verdienst des Lebens zu Gott gelangte. Umgekehrt jedoch zeigt der Apostel: da er Gott war, ist er Mensch geworden. Er bemerkt nämlich in Phil 2. 6 f.: „Er, der in Gottesgestalt war, erachtete das Gottgleichsein nicht als Beutestück; sondern er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und ward den Menschen gleich. In seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden …“. Die erwähnte These widerspricht mithin dem Apostolischen Spruch.
Außerdem. Moses besaß die Gnade Gottes unter den übrigen, die sie empfingen, im reichen Maße. Von ihm heißt es Exod 33. 11: „Es sprach der Herr zu Mose von Angesicht zu Angesicht, so wie ein Mensch zu seinem Freund zu reden pflegt“. Würde also Jesus Christus, wie im Falle der anderen Heiligen, lediglich wegen der Gnade der Annahme ‚Sohn Gottes‘ genannt, so könnte Moses aus demselben Grund ‚Sohn Gottes‘ genannt werden wie Christus, auch wenn Christus mit reicherer Gnade ausgestattet war. Selbst unter den übrigen Heiligen ist der eine von größerer Gnade erfüllt als der andere; dennoch werden alle aus demselben Grunde ‚Söhne Gottes‘ genannt. Moses wird aber nicht aus demselben Grunde wie Christus ‚Sohn‘ genannt. So unterscheidet der Apostel Christus von Moses wie den Sohn vom Diener. Er bemerkt in Hebr 3, 5 f.: „Und Mose war zwar treu in seinem ganzen Hause als Diener zum Zeugnis der künftigen Offenbarungen. Christus aber steht als Sohn über seinem Hause“. Es ist also völlig klar, daß Christus nicht aufgrund der Gnade der Annahme ‚Sohn Gottes‘ genannt wird, sondern die anderen Heiligen.
Ein ähnliches Argument läßt sich aus mehreren weiteren Stellen der Schrift gewinnen, die Christus auf eine – im Unterschied zu anderen – einzigartige Weise ‚Sohn Gottes‘ nennt. Dies geschieht beispielsweise dann, wenn sie ihn im Unterschied zu den anderen „Sohn“ nennt, so etwa, als Mt 3, 17 die Stimme des Vaters bei der Taufe erscholl: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“; oder wenn sie ihn Joh 1, 14 den „Eingeborenen“ nennt: „Wir haben seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater“; und erneut Joh 1, 18: „Der eingeborene Sohn, der an der Brust des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“. Wird er jedoch zusammen mit den anderen ‚Sohn‘ genannt, so kann er nicht als ‚Eingeborener‘ bezeichnet werden.
Manchmal wird er auch als „Erstgeborener“ bezeichnet. Damit wird auf eine bestimmte Sohnschaft hingewiesen, die die anderen als eine von ihm abgeleitete besitzen, entsprechend Rö 8, 29: „Denn die er vorher erkannte, hat er auch vorherbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden, damit er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei“. Ebenfalls heißt es Gal 4, 4 f.: „Gott entsandte seinen Sohn … damit wir an Kindes statt angenommen würden“. Er ist also Sohn aus einem von den anderen verschiedenen Grunde. Sie heißen ‚Söhne‘ aufgrund einer Ähnlichkeit mit seiner Sohnschaft.
Überdies. Bestimmte Werke werden in den Heiligen Schriften ausschließlich Gott so zugeschrieben, wie sie jemand anderem nicht zuschreibbar sind, etwa die Heiligung der Seelen und der Nachlaß der Sünden. So heißt es Levit 20, 8: „Ich, Jahwe, bin es, der Euch heiligt“; und Jes 43, 25: „Ich selbst, ich bin es, der alles tilgt, und will deiner Sünden nicht mehr gedenken“. Beides aber schreibt die Schrift Christus zu, wenn es Hebr 2, 11 heißt: „Denn der, welcher heiligt, und die, welche geheiligt werden, sie kommen alle von einem einzigen her“; und Hebr 13, 12: „Darum hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten“. Ebenfalls hat der Herr selbst von sich erklärt, er habe die Macht der Sündenvergebung. Er hat es mit einem Wunder bekräftigt, wie bei Mt 9, 6 geschrieben steht. Solches hat auch der Engel von ihm vorherverkündet: „Er wird“, so sprach er Mt 1, 21, „sein Volk von seinen Sünden erlösen“. Christus, der heiligt und Sünden vergibt, wird also nicht im selben Sinne „Gott“ genannt, wie diejenige als „Götter“ bezeichnet werden, welche geheiligt und welchen die Sünden nachgelassen werden, sondern in dem Sinne, daß er die Vorzüglichkeit und die Natur der Gottheit besitzt.
Jene Passagen der Schrift jedoch, auf die sie sich stützen, um zu zeigen, daß Christus nicht aufgrund seiner Natur Gott ist, sind für den Erweis ihrer These nicht durchschlagend. So bekennen wir in Christus, dem Sohne Gottes, nach dem Geheimnis der Inkarnation zwei Naturen, eine menschliche und eine göttliche. Deswegen sagt man von ihm sowohl das aus, was Gott eigentümlich zukommt, als auch das, was aufgrund seiner menschlichen Natur einen Defekt auszumachen scheint, wie unten ausführlicher erklärt werden wird (IV 9; 27).
Im Augenblick jedoch, d. h. im Hinblick auf die Erörterung der göttlichen Zeugung, soll hinreichen, daß den Schriften entsprechend erwiesen ist, daß Christus „Sohn Gottes“ und „Gott“ genannt wird. Er ist nicht Sohn Gottes als reiner Mensch aufgrund der Gnade der Annahme, sondern aufgrund seiner göttlichen Natur.
Quelle: Summa Contra Gentiles, 4 Buch, Kapitel 4