1. Adam und Eva hatten volles Wissen und Verstand
STh I, q. 95, a. 1:
„Der Mensch wurde mit einem vollkommenen Vernunftvermögen erschaffen, um über seine Handlungen urteilen zu können.“
Thomas von Aquin sagt: Der Mensch war von Anfang an ein vernünftiges Wesen, mit intellektueller Klarheit, sittlicher Urteilskraft und innerer Ordnung.
Genesis 1,26–27: „Im Bild Gottes“
„Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. […] Gott erschuf also den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes erschuf er ihn.“
Das Abbild Gottes bedeutet für Thomas:
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Vernunft
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freier Wille
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Fähigkeit zur Erkenntnis der Wahrheit und zur Liebe des Guten
Thomas sagt: Das „Abbild“ besteht vor allem in der geistigen Natur des Menschen, in der Vernunft und im Willen (vgl. STh I, q. 93, a. 4).
Adam war kein instinktgeleitetes Wesen, sondern intellektuell befähigt, über seine Handlungen zu urteilen – weil er im Ebenbild Gottes stand.
Genesis 2,16–17: Das göttliche Gebot
„Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen. Doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.“
Gott spricht vernünftig und mit klarem Gebot zu Adam. Das setzt voraus:
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Adam versteht die Sprache Gottes
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Adam erkennt, was ein Gebot ist
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Adam weiß, was Gehorsam und Tod bedeuten
Thomas sieht hier: Ein Mensch, der nicht erkennt, was ein Verbot ist, kann kein Gebot erhalten. Daher ist klar: Adam war moralisch verantwortlich.
Genesis 2,19–20: Adam benennt die Tiere
„Gott der HERR formte aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes […] Er führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. […] Der Mensch gab jedem Vieh, jedem Vogel und allen Tieren des Feldes einen Namen.“
Das Benennen in der biblischen Welt bedeutet Herrschaft durch Erkenntnis. Nur ein vernunftbegabtes Wesen kann differenziert erkennen und sprachlich einordnen.
Thomas kommentiert: Das Benennen der Tiere zeigt, dass Adam eine intellektuelle Erkenntnis der Natur hatte, also einen auf Gott hin geordneten Verstand (STh I, q. 96, a. 1).
Genesis 3,8–10: Adam versteckt sich vor Gott
Der Mensch empfindet Scham, weil er den moralischen Bruch erkennt.
Er versteckt sich, weil er bewusst gegen das Gebot Gottes verstoßen hat.
Thomas: Das zeigt, dass das Gewissen aktiv war – also ein inneres Wissen um Schuld, das nur möglich ist, wenn zuvor ein entsprechendes Wissen vorhanden war.
2. Der freie Wille Adams war nicht verwirrt oder beeinträchtigt
STh I, q. 95, a. 4:
„Der Mensch war mit einer vollkommenen Willensfreiheit ausgestattet, durch die er sich für das Gute entscheiden konnte.“
Es gab keine Unkenntnis, keine kindliche Ahnungslosigkeit. Adam handelte frei, wissend und bewusst. Das macht seine Sünde schwerwiegend.
3. Die Strafe ist nicht wegen eines Mangels an Wissen, sondern wegen des Stolzes
STh I, q. 99, a. 1 ad 2:
„Der Mensch wollte unabhängig von Gott urteilen, was gut und böse sei – hierin bestand die Sünde des Stolzes.“
Thomas betont: Die „Erkenntnis von Gut und Böse“ bedeutete nicht moralische Klarheit, sondern die Anmaßung, selbst Richter über das Moralische zu sein.
4. Die Sünde bestand im Ungehorsam gegen ein klares Gebot Gottes
STh I-II, q. 71, a. 6:
„Die erste Sünde war ein Ungehorsam, der aus Stolz hervorging, weil der Mensch die göttliche Ordnung verwarf.“
Thomas sagt hier sehr deutlich:
Die Sünde bestand nicht in der Handlung an sich (Essen einer Frucht), sondern im Akt des Ungehorsams gegen den Willen Gottes.
5. Adam hatte die Pflicht, Gott um des Willens Gottes willen zu gehorchen
STh II-II, q. 104, a. 2:
„Dem göttlichen Willen zu gehorchen ist eine sittliche Pflicht, auch wenn der Grund des Gebotes nicht vollständig einsichtig ist.“
Adam musste Gott gehorchen nicht weil er das Gebot verstand, sondern weil er wusste, dass es Gottes Wille war.